Herr Spiesshofer, schadet dieser Deal dem Industriestandort Schweiz oder nutzt er ihm?

Ulrich Spiesshofer: Er wird ganz klar gestärkt. Mit Hitachi haben wir einen langfristigen Eigentümer für die Stromnetz-Sparten bekommen. Hitachi hat sich verpflichtet, den Hauptsitz weiterhin in der Schweiz zu haben. Gleichzeitig wird die ABB natürlich weiter Gas geben. Wir werden etwa im Bereich der digitalen Industrie mit der ETH zusammenarbeiten. Unter dem Strich ist es für den Standort eine gute Sache.

Auch gemessen in Arbeitsplätzen?

ABB hat es ja in den letzten Jahren geschafft, die Beschäftigung in der Schweiz konstant zu halten – trotz der teuren Währung, trotz der hohen Kosten. Das war möglich, weil wir die ABB in der Schweiz komplett umgebaut haben. Von der klassischen Fertigung zu guten Industrielösungen. Wir machen heute von der Schweiz aus noch mehr Forschung und Entwicklung als in Vergangenheit. Da bin ich stolz darauf. Auch in den neuen Themen wie künstliche Intelligenz oder Robotik gibt es hierzulande schlagkräftige Forschungsinstitutionen, mit denen wir gerne zusammenarbeiten. Das können aber auch Start-ups sein.

Mancherorts geht die Angst um, es könnte mit Hitachi laufen wie mit General Electric. Der US-Konzern baute nach dem Kauf des Gasturbinen-Geschäfts fast die Hälfte aller Arbeitsplätze ab.

Die Stromnetze haben aufgrund des wachsenden Gesamtmarkts eine wirklich gute Zukunft vor sich. In den nächsten Jahren werden bis zu vier Trillionen Dollar in erneuerbare Energien investiert. Darum wird man die Stromnetze verstärken. Die Netze müssen über Länder und Kontinente hinweg zusammenwachsen. Deshalb wird man mehr in Stromnetze investieren. Das Netz muss digitalisiert werden – auch das erfordert Investitionen.

Also eine ganz andere Situation als bei den fossilen Brennstoffen?

Der Trend zeigt für die fossilen Brennstoffe deutlich nach unten. Es wird sie nicht mehr lange geben, weil sie von erneuerbaren Energien nun wirklich ersetzt werden. Die Stromnetze hingegen werden immer gebraucht werden. Unter anderem weil Elektrizität verteilt auf viele Standorte hergestellt wird. Deshalb bin ich überzeugt, dass dieser Markt auch langfristig interessant ist.

Warum haben Sie das Stromnetzgeschäft dennoch verkauft?

Nicht, weil wir nicht an die Zukunft dieses Geschäfts glauben würden, sondern weil wir ABB fokussieren wollen.

Volkswirtschaftsdirektor Urs Hofmann zum ABB-Verkauf: «Da müssen wir die Augen offen halten»

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Was der ABB-CEO zum Verkauf sagt sowie die Reaktionen von Roland Villiger, Leiter Verkauf ABB Semiconductors Lenzburg, und Volkswirtschaftsdirektor Urs Hofmann.

Das Stromnetz-Geschäft war, auch historisch gesehen, quasi das Herz von ABB. Was macht die ABB-Identität nach diesem Verkauf noch aus?

Wir sind ein technologischer Pionier im Bereich der digitalen Industrie. Wir haben in der Robotik oder in der Antriebstechnologie in den letzten Jahren eine Weltmarktführerschaft aufgebaut. Die neue ABB ist ein Konzern, der für die digitale Industrie ein Wunschpartner ist. Für grosse Infrastrukturprojekte ist das natürlich nicht mehr so stark der Fall. Aber das ist eine bewusste Entscheidung von mir und vom Verwaltungsrat: Wir wollen das Unternehmen in diese Richtung führen.

Was wollte der Bundesrat über den Deal wissen, als Sie heute Morgen mit ihm telefoniert haben?

Ich habe mit Frau Leuthard und Herrn Schneider-Ammann telefoniert. Wir hatten eine sehr offene Diskussion. Ich konnte berichten, dass Hitachi sagt: die Mitarbeiter in der Schweiz sind hoch qualifiziert, die würden wir gerne bei uns behalten. Das war ein gutes Signal. Die Bundesräte sehen auch, dass die neue ABB nun Gas geben kann bei zukunftsträchtigen Geschäftsfeldern und dass wir engagiert sind in der Ausbildung von Lehrlingen. Wir haben mit Hitachi zum Beispiel auch darüber gesprochen, wie wir sicherstellen können, dass das duale Bildungssystem auch weiterhin genutzt wird.

Was war die Reaktion?

Hitachi war begeistert, was wir alles für die Ausbildung von Lehrlingen tun.

Keinerlei Wehmut, dass ABB so viel historisches Erbe über Bord wirft?

Es ist für uns durchaus ein emotionaler Schritt. Aber es ist im langfristigen Interesse von ABB richtig. Er ist auch im Interesse der Kunden und der Mitarbeiter des Stromnetzgeschäftes. Die Schlagkraft wird in der Kombination mit Hitachi gestärkt.

ABB schafft die Matrix-Struktur ab. Die Länderstrukturen fallen weg, alles wird den Chefs der vier neuen Sparten unterstellt. Welche Folgen hat dies für Schweizer Mitarbeiter?

Das Gleiche wie rund um die Welt. Mitarbeiter, die bisher für Konzernfunktionen arbeiteten, werden viel stärker in die Geschäftseinheiten einbezogen. Mit diesem Umbau werden wir schneller und agiler. Es hat in der Schweiz sehr viele grossartige Mitarbeiter mit unglaublichem Erfahrungsschatz. Es ist im Interesse der ABB, diese Mitarbeiter weiter für ABB zu begeistern.

Es wird keinen Jobabbau geben?

Es wird Veränderungen in den Tätigkeiten geben. Aber unser erstes Ziel ist es, die Effizienz zu steigern. Und gleichzeitig die Mitarbeiter in andere Positionen reinzubringen. Wenn ich mir die Alterspyramide von ABB Schweiz anschaue, werden viele in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen. Das müssen wir auffüllen. So ergeben sich auch für jüngere, nicht so erfahrene Mitarbeiter interessante Möglichkeiten.