Wanderarbeiterin Huang Yi trifft es wie ein Schlag. Noch vor einem halben Jahr musste sie Überstunden schieben. Sie arbeitet für eine Textilfabrik in der südchinesischen Stadt Dongguan. Die Gegend rund um das Perlflussdelta ist wegen seiner vielen Fabriken bekannt als «Werkband der Welt». Vor zwei Wochen hat ihr Chef sie jedoch in den Zwangsurlaub geschickt, sechs Wochen vor dem chinesischen Frühlingsfest – wenn chinesische Arbeitnehmer gewöhnlich Ferien nehmen, um nach Hause aufs Land zu fahren.

Gründe wurden der 27-Jährigen nicht genannt. Doch auch ihr ist nicht entgangen, dass es mit der Exportwirtschaft nicht mehr rund läuft. Der Handelskrieg zwischen China und den USA hinterlässt seine Spuren. US-Präsident Donald Trump wirft den Chinesen angesichts ihrer exorbitanten Exportüberschüsse mit den USA eine unlautere Handelspolitik vor. China subventioniere seine heimische Industrie und benachteilige im eigenen Land ausländische Firmen. Zwar herrscht ein insgesamt 90-tägiger sogenannter «Waffenstillstand», seit sich Trump und der chinesische Staatschef Xi Jinping Anfang Dezember am Rande des G20-Gipfels in Buenos Aires getroffen hatten. Trump hat die bereits erhobenen Strafzölle auf chinesische Waren im Wert von über 200 Milliarden vorübergehend ausgesetzt.

Noch 50 Tage «Waffenstillstand»

Seitdem zeigen sich beide Streithähne versöhnlicher. Vor ein paar Tagen telefonierten die beiden Staatschefs miteinander. Anschliessend schrieb Trump auf Twitter: «Der Deal kommt sehr gut voran.» Auch aus Peking werden positive Signale gesandt. «Wir hoffen, dass sich die beiden Teams auf halbem Weg treffen, hart arbeiten und einen frühzeitigen Abschluss eines Abkommens erreichen», sagte Xi. Doch ob es in den noch verbleibenden rund 50 Tagen bis Ende dieses Waffenstillstands wirklich zu einer Einigung kommt, ist ungewiss. Denn in den Kernfragen haben sich beide Seiten auch weiter nicht angenähert.

Xi ist ein ehrgeiziger Machtpolitiker und hat sich nichts Geringeres zum Ziel gesetzt, als die USA abzuhängen und sein Riesenreich in den kommenden sieben Jahren zum technologischen Weltmarktführer zu machen. Das ist Trump ein Dorn im Auge. Selbst wenn ein gemässigterer USPräsident im Amt wäre, ist eine Wortwahl wie die von Xi eine Provokation für die Weltmacht Nummer eins. Für einen wie Trump kommt das einer Kriegserklärung gleich. Er fordert von China nichts weniger als eine Abkehr von diesem industriepolitischen Ansinnen.

Dem Exportweltmeister China tun die Strafzölle weh. Zuletzt mehren sich in Peking bereits die Hinweise auf eine Konjunkturabkühlung. So schrumpfte die exportabhängige Industrie der Volksrepublik im Dezember erstmals seit zwei Jahren. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte 2018 nur noch um rund 6,5 Prozent gewachsen sein, nachdem es 2017 noch zu 6,9 Prozent gereicht hatte.

Wirtschaft anschieben

Die chinesische Zentralbank senkte am Freitag den Mindestreservesatz, den Banken bei ihr als Sicherheit hinterlegen müssen. Dadurch sollen Milliardenbeträge frei werden, die die Geldhäuser an Unternehmen weitergeben und so die Konjunktur anschieben können. Zudem kündigte Ministerpräsident Li Keqiang Steuersenkungen an und dass gezielt mehr Spielraum für Kredite vor allem an kleinere Unternehmen gegeben werden soll.

Wanderarbeiterin Huang Yi rechnet bereits damit, dass sie nach dem Frühlingsfest gar nicht mehr nach Dongguan zurückkehrt. Die Fabrik, für die sie arbeitet, könnte dauerhaft geschlossen bleiben.