Autonomes Fahren ist ein kontroverses Thema. Von der Angst, den Job zu verlieren, über Sicherheitsbedenken bis hin zu philosophischen Überlegungen, für wen ein Fahrzeug im Notfall bremsen soll: Die Ängste sind gross. Von solchen Fragen noch weit entfernt ist zumindest die Schweizer Bahnlandschaft. Zurzeit arbeitet die Branche nicht etwa am autonomen Fahren, also dem lokführerlosen Zugfahren, sondern am automatisierten Fahren. Will heissen: Die Lokführer werden in ihrer Arbeit mit Assistenzsystemen unterstützt. Wenn etwas passiert, können die Lokführer aber noch immer eingreifen und wandern nicht irgendwo im Zug herum. Das System arbeitet dabei ungefähr wie ein Autopilot im Flugzeug.

Die Lancierung solcher Assistenzsysteme ist zeitaufwendig. Nun will die Schweizerische Südostbahn (SOB) ab Dezember 2019 die ersten entsprechend ausgerüsteten Züge testen, wie das Unternehmen mitteilte. In einem ersten Schritt wurden Anfang Dezember Pilotprojekte ausgewählt und prämiert. Am besten abgeschnitten haben dabei die beiden Firmen Rail Systems Engineering und die Stadler Rail. Die Projekte dieser Unternehmen werden zur Weiterführung empfohlen. Wer den Auftrag aber am Ende ausführt, ist jedoch noch offen. 

Getestet werden die Systeme in der Nacht. Ausgewählt wurde dazu die Strecke zwischen Mogelsberg und Wattwil im Toggenburg. Die Strecke verfüge über die modernste Stellwerktechnik, schrieb die SOB in einer Mitteilung vor einem Jahr, als die Firma das Projekt lancierte. Die Testläufe ziehen sich über ein ganzes Jahr hin. Im Anschluss sollen die Züge auch im Personenverkehr zum Einsatz kommen. Dies auf der Strecke zwischen Wädenswil und Toggenburg.

Bereits im vergangenen Jahr hatten die SBB ein System getestet, das in eine ähnliche Richtung geht. Damals fuhr ein Zug zwischen Bern und Olten, der von allein bremste und beschleunigte. Die Hoffnung der Branche ist es, dass damit künftig mehr Züge auf dem Streckennetz unterwegs sein können. Dies, weil die Fahrten der Züge planbarer sind und deshalb effizienter ablaufen könnten, weil die Züge im Idealfall gleich reagieren. Anders als Lokführer, die zum Beispiel unterschiedlich beschleunigen.

Autonomes Fahren wird teurer

Um in Zukunft automatisierte Loks einzusetzen, arbeitet die Branche zusammen. So sassen nicht nur SOB-Mitarbeiter in der Wettbewerbsjury zum Projekt für die automatisierten Züge, sondern auch Vertreter des Verbands Schweizer Lokomotivführer und Anwärter der Deutschen Bahn, der SBB und der Zentralbahn AG. Die SOB wollte eigentlich mit Bundesgeldern die Automatisierung vorantreiben. Das Bundesamt für Verkehr stoppte allerdings das Begehren und pochte auf eine Branchenlösung.

In Dokumenten des Digitalisierungsprojekts der Bahnunternehmen namens Smartrail 4.0 heisst es, dass das vollständig autonome Fahren technisch in Zukunft möglich sein wird. Ob dies denn auch wirtschaftlich sein wird, ist eine andere Frage. Denn gerade Unwägbarkeiten wie Unfälle lassen sich mit autonomen Zügen nur schwer beheben. Entsprechend teuer wird die Umsetzung.

Und Jobs würden wohl in der ersten Phase nur verschoben, nicht aber eingespart. In absehbarer Zukunft dürfte also das automatisierte Fahren mit dem Modell SOB realistisch sein. Und der Lokführer im Führerstand bleiben.