Wenn Roger Federer mit seiner Entourage Anfang Jahr jeweils Melbourne erreicht, erwartet ihn in der Kabine meist eine handgeschriebene Notiz der australischen Tennis-Legende Ken Rosewall (84). Die Botschaft ist immer dieselbe: «Dass ich ihm viel Erfolg wünsche und dass ich hoffe, dass es der Familie gut geht.»

Gewinnt Federer zum dritten Mal in Folge und zum siebten Mal das erste Major-Turnier des Jahres, löst er Rosewall als ältesten Sieger der Geschichte ab. Rosewall war bei seinem Sieg 1972 auch schon 37 Jahre und zwei Monate alt. Er sagt: «Wenn es einer verdient, dann Roger.»

Es ist nur eine von vielen Gesten und Geschichten, die das Land am anderen Ende der Welt für ihn zu einer zweiten Heimat haben werden lassen. Federer war 13 Jahre alt, als sein Vater Robert, ein technischer Kaufmann, ein Stellenangebot eines Chemieunternehmens hatte und mit seiner Familie fast ausgewandert wäre.

Gewinnt Federer zum dritten Mal in Folge und zum siebten Mal das erste Major-Turnier des Jahres, löst er Rosewall als ältesten Sieger der Geschichte ab.

Gewinnt Federer zum dritten Mal in Folge und zum siebten Mal das erste Major-Turnier des Jahres, löst er Rosewall als ältesten Sieger der Geschichte ab.

Als er erfahren habe, dass sie in der Schweiz blieben, sei Federer in Tränen ausgebrochen. Wie viel ihn mit diesem Land und den Menschen hier verbindet, offenbarte sich auch in der Woche vor den Australian Open, als er in einem Interview mit dem TV-Sender CNN in Tränen ausbrach, als er über seinen australischen Jugendtrainer Peter Carter sprach.

Carter war 2002 37-jährig während seiner Flitterwochen in Südafrika bei einem Autounfall ums Leben gekommen. «Sein Tod war ein fürchterlicher Schlag für mich und meine Familie. Er wollte nicht, dass ich mein Talent vergeude. Ich denke, es war eine Art Weckruf für mich, als er starb», sagte Federer.

Er verdanke Carter nicht nur das technische Rüstzeug, sondern habe auch Werte vermittelt bekommen. «Er lehrte mich, vor jeder Person Respekt zu haben – egal, ob diese berühmt ist oder nicht.» Tony Roche, der Australier, der von 2005 bis 2007 sein Trainer war, habe grossen Einfluss auf seinen Arbeitsethos gehabt. Ohne diesen wäre Federer 37-jährig nicht mehr einer der Anwärter auf den Titel in Melbourne.

Federer schiebt Favoritenrolle ab

Er habe in der Vorbereitung in Dubai hart gearbeitet, alles sei nach Plan verlaufen. Er habe keine einzige Einheit auslassen müssen. Allerdings trainiert der Baselbieter heute weitaus weniger als noch in den Anfängen seiner Karriere. «Mein Glück ist es, dass ich Vertrauen in mein Spiel habe. Und dass ich immer geglaubt habe, dass ich auch dann gut Tennis spielen kann, wenn ich nicht so viel trainiere.»

Obschon er seit der Halbfinal-Niederlage gegen Novak Djokovic vor drei Jahren in Melbourne unbesiegt ist, schiebt er die Favoritenrolle dem Serben zu. «Nach dem letzten Halbjahr, das er hatte, ist er unbestritten der Topfavorit.» Vor dem Duell mit dem Usbeken Denis Istomin (ATP 101) sagt Federer: «Es wäre ein grosser Fehler, jetzt schon zu weit vorauszudenken.»

Er sagt aber auch, der zweite Sieg in Folge beim Hopman Cup bestätige ihn in seinem Gefühl. Es war ein Turnier, das für ihn fast schon unter Laborbedingungen stattfand. Er gewann alle seine vier Einzel und spielte dabei gegen vier völlig unterschiedliche Spielertypen: gegen einen Linkshänder, einen Rechtshänder, gegen gute Aufschlagspieler, gegen druckvolle Offensivspieler und gegen Defensivkünstler.

Aber nichts ist mit den Bedingungen bei einem Grand-Slam-Turnier zu vergleichen. «Man darf nie vergessen, wie eng es an der Spitze ist. Eine Garantie gibt es nie. Und eine kleine Unsicherheit bleibt immer», gibt Federer zu bedenken.

Obwohl er die sechs bisherigen Partien gegen Denis Istomin gewonnen hat, warnt er vor dem zweifachen Turniersieger. Vor zwei Jahren beendete der 32-Jährige in Melbourne den Siegeszug von Novak Djokovic, der das Turnier zuvor drei Mal in Folge gewonnen hatte. «Ich habe das Spiel damals fast in voller Länge gesehen und weiss, wie gefährlich er auf schnellen Belägen ist.»

Dass Istomin heute überhaupt noch Tennis spielt, grenzt an ein Wunder. Er war als 14-Jähriger in einen Autounfall verwickelt. Sein Bein musste mit 80 (!) Stichen genäht werden. Drei Monate lag er im Spital. Erst zwei Jahre nach dem Unfall nahm er wieder ein Racket in die Hand.

Fragezeichen um Nadal

Federers Bescheidenheit in Ehren: Auf dem Weg in die zweite Woche dürfte Istomin nur eine Randnotiz darstellen. Fragezeichen bestehen bei den weiteren Kandidaten auf den Turniersieg. Rafael Nadal hat seit Ende August nicht mehr gespielt und im letzten Jahr nur ein Turnier auf Hartbelag beendet, dieses aber gewonnen. Sowohl bei den Australian Open als auch in New York musste er aufgeben.

Fragezeichen um Nadal.

Fragezeichen um Nadal.

Ebenfalls mit Blessuren zu kämpfen hatten zuletzt Alexander Zverev und Vorjahresfinalist Marin Cilic. Federer und Djokovic teilen sich den Rekord für die meisten Siege bei den Australian Open derzeit noch mit dem Australier Roy Emerson. Es spricht vieles dafür, dass die beiden in zwei Wochen im Final aufeinandertreffen. Doch in Melbourne wird bekanntlich nicht unter Laborbedingungen gespielt.