800 Meter vor dem Ziel wartet Kare Hoesflot auf seinen Enkel. Der 75-Jährige ist aussergewöhnlich nervös. «Ich hätte nie gedacht, dass Johannes die Tour de Ski gewinnen kann», sagt Hoesflot. Er muss es wissen, ist er doch seit Beginn der Karriere der Trainer von Johannes Klaebo, dem derzeit wohl besten, ganz bestimmt aber schnellsten Langläufer der Welt.

Noch vor wenigen Tagen war es der Wunsch des Grossvaters, dass sein Schützling die Tour vorzeitig abbricht. «Uns fehlt die Erfahrung eines solchen Etappenrennens. Man weiss nicht, wie Johannes die Strapazen verkraftet. Und das grosse Saisonziel bleibt die WM», begründete der rüstige Rentner.

Hoesflot sieht am Sonntag von seiner Position aus, wie Klaebos grosser Konkurrent Sergej Ustjugow dem 22-Jährigen im Anstieg immer näher kommt. Nur wenige Sekunden rettet Klaebo vor dem Russen ins Ziel und macht sich damit zum jüngsten Tour-Sieger der Geschichte. Bis jetzt war dieser Titel Dario Cologna vorbehalten. «Es war wirklich sehr hart. Ich sah Sergej den ganzen Aufstieg lang hinter mir. Und jedes Mal, wenn ich zurückblickte, war der Abstand kleiner», sagt Klaebo.

Das perfekte Rennen

Den Grundstein zum Gesamtsieg legte der Athlet aus Trondheim mit einem Meisterwerk beim samstäglichen Massenstart-Rennen über 15 km in der klassischen Technik. In dieser Saison kam der Supersprinter in den Distanzrennen noch nicht wie gewünscht in Fahrt. Mehrere kleinere Blessuren während der Vorbereitung wie eine Weisheitszahn-Operation streuten Sand ins Getriebe. «Er wird im November bestimmt noch nicht in Topform sein», prophezeite Grossvater Kare bereits im Spätsommer in einem Interview.

Doch was Johannes Klaebo in der vorletzten Etappe der Tour aufführte, war Extraklasse. Von A bis Z kontrollierte er das Rennen gegen eine starke russische Armada. Beide Zwischensprints gewann er, Konkurrent Ustjugow lief er müde und auf den letzten Metern überholte er auch noch den enteilten Italiener De Fabiani. Norwegische Langlauf-Experten waren sich einig, dass dies wohl das stärkste Rennen in der gesamten Karriere von Klaebo gewesen sei. Und Teamkollege Martin Sundby, noch vor kurzem selbst der Überflieger in den Distanzrennen, sagte: «Was Johannes hier zeigt, ist unglaublich stark.» Derweil verspricht Grossvater Kare für die WM einen noch stärkeren Enkelsohn.

Allerdings hat die Dominanz von Klaebo eine neue Diskussion in Norwegen ausgelöst. Anlässlich des Weltcuprennens in Otepää am 20. Januar machen die Athleten die vier WM-Startplätze über 15 km aus. Nun werden Stimmen laut, dass man Klaebo vorselektionieren soll. Dieser brauche jetzt eine Pause und nicht die Strapazen der Weltcupreise nach Estland. Eine brisante Entscheidung.

Der Vergleich mit Northug

Sieben seiner zwölf Siege im Weltcup feierte Klaebo im Sprint. Kein anderer Langläufer kann dank der überragenden Technik auf einer kurzen Distanz mehr Tempo aufnehmen als er. Klaebo wird nicht nur wegen seiner Fähigkeiten oft mit seinem jüngst zurückgetretenen Landsmann Petter Northug verglichen. Auch die provokative Art und Weise, seine Siege zu zelebrieren, erinnert an das frühere Enfant terrible. Was ihm in der Loipe als Arroganz ausgelegt wird, macht Klaebo mit seinem braven Privatleben wieder wett. Dieses ist komplett alkohol- und skandalfrei und überaus familienbezogen. Neben Grossvater Kare als Trainer sind auch Vater Haakon als Manager und sein Bruder im Klaebo-Team engagiert.

Im Oktober hat Klaebo ein Buch auf den Markt gebracht. «Johannes und Opa» heisst es. Es sei ein Wohlfühlbuch ohne einzigen Skandal, betont der Verlag. Damit wird auf die praktisch zeitgleich veröffentlichten Memoiren von Petter Northug Bezug genommen. Dieser setzt in «My Story» auch auf die eine oder andere pikante Geschichte. «Wenn es um Skandale geht, bin ich im Vergleich zu Petter wahrscheinlich ein Amateur», sagt Johannes Klaebo dazu. Wichtiger ist ihm, Grossvater Klare stolz zu machen. Wie gestern auf der Alpe Cermis.