Woran misst man die Leistung eines Menschen, der es selber ist, der die Massstäbe setzt? Roger Federer hat in diesem Jahr wieder Marken für die Ewigkeit gesetzt. Er gewann vier Titel, darunter Anfang Jahr bei den Australian Open seinen 20. Grand-Slam-Pokal. Er wurde mit 37 Jahren zur ältesten Nummer eins der Geschichte, führte während sechs Wochen die Weltrangliste an. Zum 16. Mal beendet er ein Jahr im Zirkel der zehn Besten. Das ist eine beeindruckende Bilanz. Doch Federer beschliesst sein Jahr unter einem anderen Eindruck. In London blitzten Spielwitz und Kreativität immer wieder auf. Doch es gab auch andere Momente: Federer wirkte dann müde, träge und auch ein wenig ratlos. So gesehen war die 5:7, 6:7-Niederlage gegen den Deutschen Alexander Zverev in den Halbfinals der ATP Finals ein Spiegelbild der zweiten Saisonhälfte, über die er selber sagt: «Sie hätte besser sein können.»

Roger Federer bewegt sich am schmalen Grat zwischen Perfektionismus und Lockerheit. Ihm sind in der zweiten Jahreshälfte Leichtigkeit und Unbeschwertheit, die ihn über Monate hinweg von Erfolg zu Erfolg getragen hatten, immer mehr abhanden gekommen. Mehr als einmal hatte er sich vorgenommen, zu jenem Etat d’Esprit zurückzufinden. Doch nur allzu selten gelang es. Vielleicht ist das Ende der Saison für ihn deshalb auch eine Erleichterung, zumal er im Sommer mit einer Verletzung am Handgelenk zu kämpfen hatte. Erleichterung darüber, dass er sich künftig nicht mehr an der besten Version seiner selbst messen lassen muss, die er im Vorjahr zweifellos gewesen war. «Wer denkt, ich würde das einfach so schaffen, der träumt», hatte er einmal auf einen Verweis auf das Traumjahr 2017 gesagt. Es hat die Erwartungen an ihn wieder einmal ins Unermessliche steigen lassen. Sich dagegen wehren? Es ist aussichtslos.

Eine späte, aber wichtige Erkenntnis

Gemessen an seinen Ansprüchen fällt die Saisonbilanz durchzogen aus. Vor allem lernte Federer die Schattenseiten des entschlackten Kalenders kennen, für den er anderthalb Jahre Lob geerntet hatte. Hatte er im Vorjahr noch 16 Spiele gegen Gegner aus den Top Ten bestritten und nur zwei davon verloren, waren es in diesem Jahr nur deren 10, von denen er sechs verlor. Oft fehlten ihm nicht nur Referenzwerte, sondern auch das ultimative Selbstvertrauen. Lange wehrte sich Federer gegen diese Interpretation. Doch zuletzt reifte in ihm die späte Erkenntnis, sich diesen Unabwägbarkeiten nicht mehr schutzlos ausliefern zu wollen. Er spielte erstmals seit 2015 wieder in Paris und sagte: «Manchmal ist es besser, zu spielen. Ich muss genug spielen, um im Rhythmus zu sein. Und ich muss im Training ans absolute Limit gehen, oder darüber hinaus.»

Nicht nur auf, sondern auch neben dem Platz war es für Federer ein turbulentes Jahr. Dass er erneut auf die French Open verzichtete, sorgte für Kritik. Mats Wilander sagte: «Egal, was du für diesen Sport getan hast, du kannst nie genug tun, ihm zurückzuzahlen, was er dir gegeben hat.» Federer nehme seine Verantwortung gegenüber dem Tennis nicht wahr. Bei Federer stiess dieses Votum auf Unverständnis. Und zuletzt hatte der Franzose Julien Benneteau, der seine Karriere jüngst beendete, für Polemik gesorgt, weil er sagte, Federer geniesse zu viele Privilegien. So werde er beispielsweise bei der Ansetzung der Spiele bevorzugt. Und dann war da auch noch der Verteilkampf um Macht und Millionen im Tennis-Zirkus. Barcelonas Fussballer und Davis-Cup-Reformator Gerard Piqué hatte den Schweizer mehrmals brüskiert. Und er bedroht mit seinen Umwälzungen auch den von Federer initiierten Laver Cup. Das alles zehrt an den Nerven.

Das Ancien Régime und die Jeunesse

Es sind Ränkespiele, mit denen Federer sich möglichst wenig beschäftigen will. «Ich würde am liebsten nur Zeit mit meiner Familie und dem Tennisspielen widmen», sagte er in London. «Es ist sehr wichtig, dass ich mein Leben von allen Winkeln durchleuchte.» Zu viel bedeutet ihm der Wettkampf noch immer. Federer verlor in diesem Jahr nur zehn Matches, vier davon gegen 21-Jährige. Noch dominiert an der absoluten Spitze das Ancién Régime. Novak Djokovic (31) beendet das Jahr als Nummer 1. Der Serbe gewann in Wimbledon und bei den US Open. Rafael Nadal (32) war zwar oft verletzt, verlor aber nur vier Matches und gewann einmal mehr die French Open. Sieben der Top-Ten-Spieler sind über 30 Jahre alt, nur Alexander Zverev ist unter 25. Doch dahinter hat sich eine neue Generation, eine Jeunesse, in Lauerstellung gebracht: Angeführt von Zverev über Karen Khachanov, Borna Coric, Stefanos Tsitsipas, Daniil Medwedew.

Roger Federer wird ihnen das Feld auch im kommenden Jahr nicht kampflos überlassen. Zwei Wochen möchte er ausspannen. Doch im Dezember beginnt bereits die Vorbereitung für die kommende Saison: die Fitness steht im Vordergrund, aber auch technische Aspekte. Die Vorhand zum Beispiel, die er «wieder richtig durchpeitschen» will, wie er sagte. Doch es ist nicht nur die jüngere Konkurrenz, die ihm als lebender Legende huldigt, die Federer die eigene Vergänglichkeit immer wieder vor Augen führt. Er führt unter dem Brennglas der Öffentlichkeit einen Kampf mit sich selber aus, den er nicht gewinnen kann. Er möchte im Hier und Jetzt verharren, dem Spiel frönen, das ihn zu dem gemacht hat, der er ist. Seine Anhänger aber wollen ihn für die Ewigkeit, jetzt verbürgt für die nächsten Jahre, am liebsten für ein ganzes Jahrzehnt. Einer wird diesen Kampf verlieren, das steht jetzt schon fest.

Das sind alle 99 Turniersiege von Roger Federer: