Die Versicherer würden sich zu wenig um die Genesung und Pflege von Kranken kümmern, kritisieren die Initianten der Einheitskrankenkasse das heutige System. Und: Das gängige Geschäftsmodell beinhalte hauptsächlich die Jagd auf gesunde Risiken, die wenig Kosten verursachen. Um den Initianten Wind aus den Segeln zu nehmen, haben die Parlamentarier im Hinblick auf die Abstimmung bereits eine Verbesserung des Systems beschlossen, die im kommenden Jahr in Kraft tritt: der verfeinerte Risikoausgleich. Wer also viele Kranke versichert, erhält Geld aus einem Ausgleichstopf. Wer kaum Kranke versichert, muss hingegen einzahlen.

Fokus auf Kranke statt Gesunde

Doch das Geschäftsmodell, nur junge Gesunde zu versichern, hat ausgesorgt. Um den Wandel innerhalb des Systems aufzuzeigen, muss man an den Anfang: Wer krank ist, sucht einen Arzt auf und erhält Medikamente. Bei teuren Behandlungen springt die Versicherung ein und bezahlt Spitalaufenthalt, Medikamente und Therapien.

Die Kosten, die durch kranke Versicherte entstehen, beeinflussen den Wettbewerb des Systems. Weil die Krankenkassen von Gesetzes wegen dieselben Leistungen zu relativ einheitlichen Preisen anbieten müssen, bleibt kaum Spielraum für unterschiedliche Prämien. Nur wer kaum Kranke versichert (oder diese sogar abschiebt), kann Kosten sparen und Prämien senken.

Um die negativen Anreize abzubauen, wurde der Risikoausgleich zwischen den Krankenkassen geschaffen. Ältere Personen sind anfälliger auf Krankheiten und verursachen im Durchschnitt höhere Kosten. Sie sind versicherungstechnisch ein höheres Risiko. Genauso wie Frauen, die das «Risiko» Geburt mit sich tragen. Da Alter und Geschlecht die Krankheitskosten nur teilweise ausgleichen können, wurde 2012 der Risikoausgleich auf Spitalaufenthalte ausgeweitet: Versicherungen müssen zwar weiterhin in den Risikoausgleich einzahlen, wenn sie einen jungen Mann versichern. Sie erhalten aber Geld ausbezahlt, wenn sich dieser im Vorjahr mindestens drei Tage in einem Spital oder Pflegeheim aufgehalten hat.

Gemäss dem Nachrichtenportal Infosperber trägt diese neue Praxis Früchte. Für Krankenversicherer lohne es sich kaum mehr, junge Männer anzuwerben: Die Zahlungen in den Ausgleichstopf können durch die Prämien nicht gedeckt werden. Für ihre jungen Versicherten müssen Krankenkassen draufzahlen. Deshalb habe sich das Geschäftsmodell verändert: Die Branche setze neu auf ältere, kranke Frauen, um Ausgleichszahlungen einzusacken.

Das Übel bleibt sowieso erhalten

Diese Entwicklung wird grundsätzlich als positiv bewertet, weil sich die Versicherer zunehmend den Kranken und ihrer Genesung annehmen. Ob die Entwicklung nachhaltig ist, wird indes bezweifelt. Die Zürcher SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr gibt dafür zwei Gründe an. Erstens werde ein ernsthafter Risikoausgleich erst 2015 einsetzen, wenn neben Alter, Geschlecht und Spitalaufenthalt auch die Medikamente (und damit auch die tatsächliche Krankheit) berücksichtigt werden. Zweitens «kostet eine kranke Person immer mehr als eine gesunde – trotz Ausgleichszahlung.»

Ins gleiche Horn stösst die grüne Nationalrätin Yvonne Gilli (SG). Sie geht ebenfalls von einer wesentlichen Verbesserung ab 2015 aus: «Die harte Risikoselektion wird ausgeglichen.» Sie ist aber im Grundsatz gleicher Meinung wie Fehr: «Die Kernschwäche bleibt: Es kann nur jene Krankenkasse eine billigere Prämie anbieten, die weniger kranke Personen versichert.» Deshalb müsse das System als Ganzes geändert werden.

Die bürgerlichen Gesundheitspolitiker sehen das freilich anders. Der Risikoausgleich merze die negativen Aspekte des heutigen Systems weitgehend aus, sagt die St. Galler Grünliberale Margrit Kessler. Sie windet ihren linken Kolleginnen dennoch ein Kränzlein: «Ohne ihre Initiative hätten wir den verfeinerten Risikoausgleich im Parlament nie durchgebracht.»