Als die Neuenburger Stimmbevölkerung 2013 Yvan Perrin in die Regierung wählte, wusste sie bestens über seine Probleme Bescheid. Der SVP-Politiker machte im Wahlkampf keinen Hehl aus seinen Depressionen und Alkoholproblemen, aus seinen Selbstzweifeln und psychischer Fragilität. «Manchmal weine ich, na und?», sagte er einem Journalisten. Perrin, der Austeiler, wurde zu Yvan, dem Verletzlichen.

Die Offenheit schadete Perrin nicht – im Gegenteil, sie brachte ihm Sympathien und einen Wahlerfolg ein. Die Geschichte endet zwar nicht mit einem Happy End – Perrin trat im Juni wegen Erschöpfungszuständen zurück – doch sie offenbart eine erstaunliche Nachsichtigkeit der Öffentlichkeit mit fehlbaren Politikern: Auch sie sind Menschen und – o Wunder – nicht perfekt.

Es kommt auf die Tat an

Gnade gibt es allerdings nicht in jedem Fall. Ausschlaggebend ist unter anderem die Art der Verfehlung. Dem als Erbschleicher enttarnten und mittlerweile verurteilten, ehemaligen Bundesratskandidaten Bruno Zuppiger halfen keine entschuldigenden Worte. Solch ein Manko an moralischer Integrität lässt die Autofahrten in angetrunkenem Zustand des Tessiner Ständerates Filippo Lombardis erst recht als Kavaliersdelikt aussehen.

Weil wohl mancher Wähler punkto Alkohol und Auto auch keine weisse Weste hat, konnte Lombardi seine politische Karriere fortsetzen. Dabei half ihm, dass er seinen Fahrausweis nach einem Unfall 2005 freiwillig abgab und sich entschuldigte. So präsidierte Lombardi letztes Jahr die kleine Kammer, ist mittlerweile Chef der CVP-Fraktion und auch Bundesratsambitionen werden ihm nachgesagt.

Ebenfalls schadlos blieb der einstige Solothurner Ständerat Rolf Büttiker, der in einem Buch einer Prostituierten als Freier identifiziert wurde. Büttiker ergriff die Flucht nach vorne und gab die Prostituiertenbesuche zu. Danach wurde er drei weitere Male als Ständerat gewählt. 2006 war er Ständeratspräsident. Valérie Garbani wählte ebenfalls die Strategie der öffentlichen Beichte. Zwei Wochen vor den Erneuerungswahlen wurde die Neuenburger Stadträtin von der Polizei abgeführt: Sie machte, stark alkoholisiert, spätnachts Radau und beschimpfte die Ordnungshüter.

Garbani zeigte Reue, gestand den übermässigen Alkoholkonsum und die Einnahme von Antidepressiva ein und sprach über die Probleme in ihrer Beziehung. Die SP-Politikerin wurde von ihrem Lebenspartner geschlagen und damit von der Täterin zum Opfer. Die Wiederwahl schaffte sie 2008 problemlos, trat ein Jahr später aber nach weiteren Zwischenfällen freiwillig zurück.

Perrin, Lombardi, Büttiker und Garbani wählten in einer schwierigen Situation den öffentlichen Kniefall und schafften Transparenz. Wer eine zweite Chance haben will, dem bleibt nichts anderes übrig – auch wenn die Fehler nichts mit dem Amt zu tun haben.

Der ehemalige Armeechef Roland Nef entschied sich für eine Salamitaktik und scheiterte kläglich. Er berief sich darauf, dass das eingestellte Strafverfahren, im Zusammenhang mit der Trennung von seiner Partnerin, Privatsache sei und informierte nur scheibchenweise. Geri Müller entschied sich gestern für die offensive Variante. Ob erfolgreich? Affaire à suivre.