Qualität und Schönheit der Euter haben bei der Prämierung ein hohes Gewicht. Es gibt Züchter, die deshalb mit dem Melken bei Viehausstellungen unnatürlich lang zuwarten, damit die Euter voll und prall sind.

Adrian Steiner, Professor am Departement für klinische Veterinärmedizin der Universität Bern, leitete letztes Jahr eine Studie im Auftrag des Bundesamtes für Lebensmittelsicherheit (BLV) und der Arbeitsgemeinschaft der Schweizerischen Rinderzüchter (ASR). Die Forscher arbeiteten mit Ultraschall. Das Ergebnis: Von 321 untersuchten Kühen an vier grossen nationalen Viehausstellungen wiesen 72 (23 Prozent) ein Euterödem auf. Ödeme, eine Wasseransammlung unter der Haut der Euter, sind ein Anzeichen dafür, dass Kühe zu lange nicht gemolken wurden. «Gesunde Kühe haben ausser um den Abkalbezeitraum keine Ödeme», sagt Steiner.

Die Tierhalter verklebten sodann die Zitzen von 263 Kühen (86 Prozent) mit Kollodium. Es handelt sich dabei um eine Art Verband, einen feinen Film. Kollodium bereitet den Tieren keine Schmerzen, man kann es leicht wieder entfernen. Andreas Rüttimann von der Stiftung Tier im Recht sagt: «Das Problem ist nicht das Verschliessen der Zitzen an sich, sondern der Grund, aus dem das getan wird: nämlich, dass die Milch nicht aus dem Euter tropft, weil die Kuh zu lange nicht gemolken wurde.» Eine sogenannte Überfüllung bereite den Tieren Schmerzen, ergänzt Rüttimann. Ausserdem bekunden die Kühe Mühe mit Laufen. «Es wird schwierig, die Beine an den Eutern vorbeizubringen», sagt Professor Adrian Steiner.

Der Ball liegt beim Nationalrat

Nationalrätin Irène Kälin (Grüne, AG) spricht von «tierquälerischen Praktiken» an Viehausstellungen. Der Bundesrat hat ihre Motion für ein generelles Zitzenverschliessverbot vor wenigen Wochen angenommen. Damit würde auch Kollodium von den Kuh-Miss-Wahlen verbannt. Das letzte Wort ist aber noch nicht gesprochen. Jean-Pierre Grin wird den Vorstoss bekämpfen. «Es gibt zwar ein Problem mit überehrgeizigen Züchtern», sagt der Waadtländer SVP-Nationalrat und Bauer. Es sei aber die Aufgabe der Organisatoren, geeignete Regeln zu erlassen.

Da Züchter vereinzelt zu unerlaubten Methoden greifen, überarbeitete die ASR in den letzten Jahren mehrfach ihr Reglement. Seit 2018 etwa müssen an Ausstellungen mit nationalem Charakter Ultraschalluntersuchungen durchgeführt werden. Ab dem nächsten Jahr gelten verschärfte Regeln. So werden gezielt ausgebildete Kontrolleure aufgrund von visuellen Kriterien prüfen, ob eine Kuh überhaupt den Schauring betreten darf oder nicht. Explizit untersagt sind künftig auch prophylaktische medizinische Behandlungen sowie die Milch teilweise abzulassen, wie die ASR neulich mitteilte.

«Mit der neu festgelegten engen Überwachung können übervolle Euter und damit Verstösse gegen das Tierwohl wirkungsvoll ausgeschlossen werden», sagt der ASR-Präsident und Berner SVP-Nationalrat Andreas Aebi. Die ASR setze sich konsequent dafür ein, dass die Auflagen des Tierschutzes eingehalten würden, sagt der eidgenössisch diplomierte Landwirt. Am Einsatz von Kollodium hält die ASR fest. Es beuge zum Beispiel Infektionen vor, sagt Aebi.

Je nach Schwere des Regelbruches droht den Bauern, die ihre Kühe mit unerlaubten Mitteln verschönern wollen, ein Ausstellungsverbot von 13 Monaten. Die Sünder werden in einer Datenbank registriert. «Verstösse gegen das Reglement kommen nur höchst selten vor, sie liegen im Promillebereich», sagt Aebi. Und: «Die Milchbauern wollen ihren Tieren doch nicht schaden. Sonst würden sie sich ins eigene Fleisch schneiden.»

Der eidgenössisch diplomierte Landwirt Aebi zeigt sich überrascht, dass der Bundesrat die Rinderzüchter nicht kontaktiert hat, bevor er dem Zitzenverschliessverbot zustimmte. «Ich habe den Eindruck, dass sich bei diesem emotionalen Thema viele Akteure einmischen, die selber wahrscheinlich noch nie eine Kuh gemolken haben.»

Sorge um den guten Ruf

Unter Druck gerät die ASR aber nicht nur vom Bundesrat. Auch die Vereinigung der Schweizer Milchindustrie (VMI) lehnt die Anwendung von Kollodium an den Viehausstellungen ab. «In diesem Kontext kann man das Mittel für Exzesse missbrauchen», sagt VMI-Geschäftsführer Lorenz Hirt. Die VMI erwartet, dass die ASR in ihrem Reglement noch einen Schritt weiter geht. Welche Forderungen sie konkret gestellt hat, verrät Hirt nicht. Er pflichtet Aebi bei, dass übervolle Euter an Viehausstellungen absolute Einzelfälle seien. «Doch sie haben das Potenzial, dem Ruf des hochwertigen Produktes Milch zu schaden», sagt Hirt.