Bundesrat Johann Schneider-Ammann sagte, dass er 2019 nicht nochmals zur Wahl stehen wird. Viele zeigen sich aber überrascht, dass er überhaupt noch so lange im Amt bleiben will. Um seine Gesundheit stehe es nicht zum besten, erzählen Politiker, die ihn regelmässig treffen. Schneider-Ammann wirke oft müde. Auch von Ausfällen an Kommissionssitzungen wird berichtet. Eben erst musste er wegen einer schweren Grippe etwas kürzer treten. Vor allem aber schone er sich für die Reise nach Südamerika, zu welcher er diesen Sonntag aufbricht. Eine politisch stark aufgeladene Reise.

Und das Programm, das Schneider-Ammann und seine 51-köpfige Delegation in sieben Tagen abspulen, ist strapaziös: täglich zahlreiche Treffen und Verschiebungen, kaum Pausen und kurze Nächte. Nach drei Tagen São Paulo und Umgebung fliegt die Delegation von Brasilien für je einen Tag nach Paraguay und Uruguay, um dann die letzten zwei Tage in Buenos Aires (Argentinien) und Umgebung zu verbringen.

Aussenpolitikerin Elisabeth Schneider-Schneiter (CVP/BL), welche die Reise ebenfalls bestreitet, sagt, es sei «normal», dass so viele Termine wie möglich in die knappe Zeit gepackt werden. Bauernpräsident Markus Ritter vergleicht das Programm hingegen mit einer Durchhalteübung im Militär. Er hat seine Teilnahme nicht nur deswegen abgesagt. Er sei ein effizienter Mensch, sagt der CVP-Nationalrat. Und da auf der ganzen Mission gar nicht verhandelt werde, sehe er keinen Sinn, deswegen um die halbe Welt zu fliegen.

Neun Agrar-Vertreter reisen mit

Da der höchste Bauer die Reise sausen lässt, müssen andere einspringen: Neun Vertreter der Agrarindustrie reisen mit. Unter ihnen Andreas Aebi (SVP/BE), einziger praktizierender Bauer in der Aussenpolitischen Kommission des Nationalrats, wurde von Schneider-Ammann persönlich eingeladen. Er habe zugesagt, denn es gehe bei der Marktöffnung vor allem ums Fleisch, sagt Aebi, Präsident der Schweizer Rinderzüchter. Er sei nicht gegen offene Märkte. Aber die Schweiz müsse sich keine Illusionen machen. Die Mercosur-Staaten Brasilien, Uruguay, Paraguay und Argentinien hätten 600 Mal mehr Nutzflächen zu bewirtschaften. «Bei diesen Dimensionen können wir es uns nicht leisten, bei den Verhandlungen aussen vor zu bleiben.» Ihm gehe es nun vorderhand darum, herauszufinden, wie wichtig den Südamerikanern der Export von Fleisch in die Schweiz sei.

Der Frieden von Madiswil

Die hohen Strapazen, die er mit der Reise auf sich nimmt, sind ein Indiz dafür, wie wichtig ihm der Erfolg des Freihandels sein muss. Er ist überzeugt, dass die Schweiz ihren Wohlstand nur halten kann, wenn sie sich neuen Märkten erschliesst – und dafür muss sich die Landwirtschaft öffnen. Dazu muss er die Bauern zunächst an Bord holen. Der «NZZ» sagte Schneider-Ammann, er wolle «mit den Bauern noch etwas Gutes auf die Beine stellen». Einen ersten Schritt hat er getan, als er sich am Sonntag mit Markus Ritter im «Bären» in Madiswil zum Essen traf. Die Begegnung sei konstruktiv und offen gewesen, so der Wirtschaftsminister. Auch Ritter hält die Aussprache für wichtig, um das Vertrauen wieder aufzubauen.

Die besten Bilder von Johann Schneider-Ammann:

Gleichzeitig hat inhaltlich jedoch kaum eine Annäherung stattgefunden: Streitpunkt ist nach wie vor die Gesamtschau des Bundesrats zur Agrarpolitik, die in naher Zukunft eine Öffnung der Märkte vorsieht. Nicht nur die Inhalte sind umstritten, die beiden Parteien messen dem Bericht auch ein unterschiedliches Gewicht bei. Schneider-Ammann versucht zu beschwichtigen, die Folgen eines Abkommens mit den Mercosur-Staaten seien weniger gravierend als im Bericht angenommen, sagte er der «NZZ».

Eine Chance für die Bauern?

Christof Dietler, reist als Geschäftsführer der Agrarallianz mit der Mercosur-Delegation mit. Den Abbau der Agrarzölle hält er für «unvermeidbar». Es sei nun wichtig, dass die Bauern die eigenen Aufgaben machten, ihr Profil schärften und auf Biodiversität und Nachhaltigkeit setzten. «Dann können sie auch am Markt bestehen.» Andreas Aebi schlägt eine andere Lösung vor. «Wir importieren heute 40 000 Tonnen Fleisch pro Jahr. Vielleicht kommt dereinst etwas mehr aus Südamerika als von anderswo.» Er sieht die offenen Märkte indes nicht als Chance für Bauern, nur für die Exportindustrie. «Die Bauern sind die Gebeutelten.»

Ob Schneider-Ammann den Freihandel bis 2019 durchsetzen kann, ist ungewiss. Klar ist, dass eine mögliche Nachfolgerin auf dem besten Weg ist, ihn zu überholen. Ständeratspräsidentin Karin Keller-Sutter (FDP/SG) hat die Mercosur-Staaten vor zehn Tagen mit einer Efta-Delegation bereist. Im Unterschied zum Bundesrat hat sie die Bauern frühzeitig nach den roten Linien im Freihandel gefragt.