Durst ist schlimm. Das hat Sandra Wüthrich gnadenlos schon in ihren ersten Wochen auf dem Pacific Crest Trail (PCT) erfahren. Wo in der kalifornischen Wüste eigentlich eine Wasserstelle sein sollte, war alles ausgetrocknet, Sandras Wasserflaschen leer – und schon jetzt war sie durstig. Die nächste Möglichkeit, Wasser aufzufüllen, lag 48 Kilometer entfernt. Was nun? Auf einem Parkplatz bei einem Highway, einige Meilen abseits des PCT, trifft sie auf hilfsbereite Amerikaner mit genügend Wasservorräten. Sie bittet um Hilfe. «Hilfe anzunehmen, ist etwas von vielem, was ich auf dem PCT gelernt habe», sagt sie. Diese Geschichte hat Sandra Wüthrich beim Erzählen über «das grösste Erlebnis meines Lebens» fast vergessen.

Die 28-Jährige sprudelt über vor Freude und positiven Erfahrungen, ihre bernsteinfarbenen Augen leuchten. «Jeder kann diesen Weg schaffen. Der Pacific Crest Trail ist wie das richtige Leben: Man braucht viel Vertrauen, muss sich genügend Pausen gönnen und alles so nehmen, wie es kommt.»

Den ganzen PCT abzuwandern, trägt Sandra Wüthrich mit sich herum, seit sie das Buch «Der grosse Trip» von Cheryl Strayed gelesen hat. Anfang 20 war sie damals, schon immer ein Naturkind, aber keine Sportskanone. «Mein Grossvater war mein Held. Er hat mir die Freude an der Natur vermittelt.» Als er von Sargans auf der Via Alpina bis nach Montreux wanderte, war seine Enkeltochter fünf Jahre alt – und damals schon gefesselt vom Abenteuer ihres Grossvaters. «Es war immer das Wandern von A nach B, das mich faszinierte. Immer weitergehen, nicht dort ankommen, wo man gestartet ist.»

Das Abenteuer PCT setzt sich fest in ihrem Kopf. Doch bis sie sich entscheidet, den Traum umzusetzen, vergehen ein paar Jahre. «Im Frühling 2017 beschloss ich: Ich werde nächsten April losgehen.» Die Entscheidung, es wirklich zu tun, der allererste Schritt, sei, im Nachhinein betrachtet, das Schwierigste am ganzen Weg gewesen.

Die Planung beginnt

Sie beginnt, ihr Abenteuer minuziös zu planen. Bespricht sich mit ihrem Freund, mit dem sie in Röthenbach im Kanton Bern zusammenlebt, bekommt im Hörgeräte-Geschäft ein halbes Jahr unbezahlte Ferien bewilligt, weiht ihre Eltern ein. «Sie versuchten erst gar nicht, mir meinen Plan auszureden. Sie wissen, dass ich etwas durchziehe, wenn ich es mir in den Kopf gesetzt habe.»

Die minimalistische Ausrüstung mit Zelt, Schlafsack, warmer Daunenjacke und Gaskocher wiegt ohne Wasser und Nahrung knapp zehn Kilogramm. Ihre Wanderschuhe aus Yak-Leder, die sie extra gekauft hat, tauscht sie nach dem Lesen von diversen Erfahrungsberichten in PCT-Foren ein gegen federleichte Trail-Runner-Schuhe. Mit Youtube-Videos lernt sie den Kompass zu lesen, macht Winterwanderungen, trainiert im Fitnesscenter.

Um den PCT laufen zu können, braucht es eine Bewilligung, die online eingeholt werden kann. «So soll verhindert werden, dass mehr als 50 Personen pro Tag starten.» Fast verpasst sie die Frist f, weil sie a.m. (ante meridiem, vor Mittag) und p.m. (post meridiem, nach Mittag) verwechselt. Doch schliesslich erfährt sie im November das Datum, an dem sie ihren Weg beginnen wird. Es ist der 2. April 2018.

Karte: Pacific Crest Trail von Campo nach Vancouver

Karte: Pacific Crest Trail von Campo nach Vancouver

Gehen, kochen, schlafen

Und dann steht Sandra Wüthrich dort, wo ihr Abenteuer beginnen wird, in Campo, an der mexikanischen Grenze, dem südlichen Ausgangspunkt des PCT. Schnell findet sie sich zurecht in ihrem neuen Alltag: Gehen, Zelt aufstellen, kochen, schlafen. Als das Gas ihres Kochers ausgeht, trifft sie zum ersten Mal auf Gordon, einen 48-jährigen Australier, der wie sie allein gestartet ist. «Er schenkte mir eine neue Gaspatrone, denn er hatte zwei dabei.» Gordon und sie wandern zusammen weiter, das Tempo passt, die Einstellung stimmt, und sie bilden ab nun ein Team, ohne das bewusst gesucht zu haben. Bis zum Schluss des Weges werden sie wie selbstverständlich zusammenbleiben, aufeinander warten und einander in schwierigen Momenten beistehen. «Dass ich ihn getroffen habe, war ein riesiges Glück. Ich bin sonst sparsam mit solchen Begriffen, doch Gordon ist so etwas wie ein Seelenverwandter. Ich kann mir nicht viele Menschen vorstellen, mit denen ich den PCT laufen könnte. Und ausgerechnet wir haben einander gefunden.»

Sie habe auf dem Weg erkannt, dass es gut und richtig ist, nicht alles allein machen zu wollen, die Hilfe von anderen anzunehmen und selber zu helfen, wo immer jemand Hilfe braucht.

Die ersten 700 Meilen bis Kennedy Meadows führen durch staubiges, heisses Wüstengebiet in Kalifornien. «Ich habe diese Strecke geliebt. Die Natur war faszinierend.» Doch es war auch der Streckenabschnitt, auf dem sie mit Minustemperaturen die kältesten Nächte erlebte, nicht etwa in den verschneiten Bergen der Sierra Nevada. Und genügend Wasser im richtigen Moment zu finden, war ab und an eine Herausforderung.

Nicht nur, dass sie einen Wanderfreund gefunden hatte, auch sonst begleitete die Schweizerin das Glück. «Nach drei Wochen und den anfänglichen Muskelschmerzen hat sich mein Körper an das tägliche Gehen von bis zu 30 Meilen oder 48 Kilometer gewöhnt.» In der Zeit, in der sie unterwegs war, wurde sie nur dreimal verregnet. Auch die Schuhe erweisen sich als richtige Wahl: Erst nach 2000 Meilen, schon fast am Schluss des Trails und beim dritten Paar Schuhe angelangt, bekommt sie ihre erste Blase – die Zwangspause, die sie deswegen einlegen muss, bezeichnet sie als ihren mentalen Tiefpunkt. «Ich bin körperlich oft an meine Grenzen gestossen, habe drei-, viermal geweint vor Erschöpfung. Doch es gab nicht einen Tag, an dem ich abbrechen wollte.»

Eine schwierige Wegstrecke waren die verschneiten Berge der Sierra Nevada. Hüfttief sanken sie so manches Mal auf einem Wegstück ein, in zehn Stunden schafften sie lächerliche zehn Kilometer. «Einmal bin ich sehr tief eingesunken in den Schnee, und ich konnte mich nicht mehr selber aus dieser Lage befreien. Ich geriet in eine regelrechte Panik, das ist mir noch nie passiert.» Da war sie unglaublich froh um ihren Begleiter Gordon. «Es kommt fast jedes Jahr vor, dass PCT-Wanderer auf dem Trail vermisst werden», sagt Sandra Wüthrich. Sie könne sich vorstellen, wie das passiere. Gerate man abseits des Weges und passiere etwas, werde man schwerlich gefunden. Sie habe ein GPS-Gerät dabei gehabt und jeden Abend den Eltern ihren Standort geschickt. Die Geräte seien eine Hilfe, doch auf sie sei kein Verlass: «Es gibt immer wieder Orte, an denen es keine Verbindung gibt.»

14 Kilogramm Gewicht verloren

Auch die Flussüberquerungen seien nicht ungefährlich. Während der Schneeschmelze reissen die Bäche und Flüsse teilweise sehr stark. Brücken gibt es keine. Nach den anstrengenden Tagen im Schnee und den Bergen zeigte die Waage 14 Kilo weniger Körpergewicht. «Ich habe immer viel gegessen, doch die körperliche Anstrengung war enorm und forderte ihren Tribut.»

Im Durchschnitt einmal pro Woche führt der Trail auch an einer Ortschaft vorbei. Hier heisst es jeweils Proviant einkaufen, Material ersetzen oder Päckchen, die man sich selber zuschickt, abholen, mit neuen Schuhen oder Kartenmaterial. An diesen Stopps findet auch reger Austausch statt unter den Wanderern, die sich alle nur unter ihren Spitznamen kennen. «Mein Trailname war ‹Thriftshop›, also Brockenstube, weil ich mich immer wieder mal mit Kleidern und Sachen aus Secondhandläden eingedeckt habe.» Gordon wurde auf dem PCT «Asolo» genannt, abgeleitet vom Namen seiner Wanderschuhe.

Die beiden gönnten sich immer wieder wanderfreie Tage, assen viel, schätzten den Komfort einer Dusche und lernten so Portland und Seattle und auch viele kleine Siedlungen kennen. «Ich habe auf der Wanderung ein ganz anderes, armes, Amerika gesehen. Doch ich habe auch eine unglaubliche Gastfreundschaft und Grosszügigkeit erlebt.» Der Weg habe sie geprägt, sie sei nicht mehr die Gleiche wie vorher. «Es war das beste Erlebnis meines Lebens», resümiert Sandra Wüthrich nach ihrer Rückkehr. Als sie und Gordon nach fünf Monaten am Ziel angekommen waren, verbrachte sie einige Tage allein in Vancouver und Hawaii. Danach hiess es Abschied nehmen von ihrem treuen Wanderfreund, der «einen besseren Menschen aus mir gemacht hat».