Mütter müssen immer los: zum Kindergarten, zur Arbeit, zum Einkaufen. Auch Väter haben es eilig, wollen endlich in die Ferien starten oder sofort vom See aufbrechen, um pünktlich zum Länderspiel zu Hause zu sein. Kleine Kinder stören sie bei ihren durchgeplanten Vorhaben, sie kommen irgendwie immer dazwischen. Während Erwachsene sich nach der Uhr richten, leben Kinder im Hier und Jetzt; nichts ist für sie so wichtig wie dieser Moment.

Was genervte Mütter und gestresste Väter in Meditationskursen geduldig erlernen müssen, ist ihnen buchstäblich in die Wiege gelegt worden: Zeit spielt für sie keine Rolle. Schon deshalb passen Kinder und Uhren nicht zusammen: Die einen sind immer zu langsam, die anderen gehen grundsätzlich zu schnell.

Das Schneckentempo der Kleinen, ihr Versinken im Augenblick, kann die Grossen schier zerreissen. «Trödele doch nicht immer so rum, Emma!», rufen eilige Mütter dann, wenn der Supermarkt gleich schliesst, doch die Dreijährige noch immer ganz versonnen die Samen von möglichst vielen Löwenzahnblüten im Park in den Himmel blasen möchte. «In fünf Minuten macht der Laden zu», drängelt ihre Mama dann, als könne ein kleines Mädchen sich vorstellen, wie schnell das bisschen Zeit verrinnen kann. Und was ist Zeit überhaupt?

Zeitgefühl entwickelt sich erst

Einem zwei- oder dreijährigen Kleinkind kann selbst eine noch so bemühte Mutter «nicht begreiflich machen, dass sie nur einige Minuten wegbleibt, wenn sie im Keller etwas holen möchte», urteilt Kinderarzt Remo Largo, ein Fachmann für das Heranreifen junger Menschen. Schon nach Sekunden wird das Kleine sie vermissen. Frühestens mit vier Jahren entwickeln Kinder Ansätze eines Zeitgefühls. Jetzt können sie einfache Abfolgen verstehen, etwa den Satz: «Wenn du heute Mittag geschlafen hast, gehen wir auf den schönen Spielplatz unten am Fluss.»

In den folgenden zwei Jahren, bis etwa zum Erreichen des Schulalters, lernt das Kind laut Largo immer mehr über Zeitspannen und Chronologie. «Ein fünfjähriges Kind, das einige Tage im Krankenhaus verbringen muss, versteht, was die Mutter meint, wenn sie abends beim Abschied zu ihm sagt: Morgen nach dem Frühstück bin ich wieder bei dir.» Zwei Jahre zuvor wäre dasselbe Kind noch untröstlich im Krankenhaus zurückgeblieben. Eine Nacht allein ohne Mama oder Papa: Für einen Knirps fühlt sich das wie eine halbe Ewigkeit an, manchmal sogar wie eine ganze. Kein Wunder, dass heutzutage viele Kliniken einem Elternteil anbieten, bei seinem Kleinkind zu
bleiben.

Vor allem wer Kinder in ihren ersten Jahren gut begleiten möchte, benötigt eine Engelsgeduld, ohne gleich ein Engel sein zu müssen. Wenn man ankämpft gegen ihr Lebenstempo, kann es schon quälend sein, mit einer Zweieinhalbjährigen 200 Meter zurückzulegen, vorbei an Blumenrabatten mit brummenden Bienen und Hummeln, einem Teich mit quakenden Enten, zwei lockenden Schaukelpferden sowie mindestens fünf schwanzwedelnden Wauwaus, von denen selbstverständlich jeder Einzelne bestaunt werden muss.

Um sich auf kleine Kinder einzulassen, brauchen Erwachsene mehr Gelassenheit und Musse. Denn sie bringen es fertig, blindlings an kleinen Naturwundern wie einer Weinbergschnecke, umherkrabbelnden Feuerwanzen oder einer gut vernetzten Kreuzspinne vorbeizueilen, obwohl sie diese Tiere zuletzt vor 30 oder 40 Jahren eingehend betrachtet haben.

Entdeckerlust ausbauen

Ein Kind aber findet solche Kreaturen fast immer zum Staunen. Es hat Experimentierfreude mit auf die Welt gebracht und will seine Entdeckerlust «in Ruhe geniessen, ausbauen, in Kreativität umsetzen», schreibt der Hirnforscher Gerald Hüther als Co-Autor in dem Buch «Wie aus Kindern glückliche Erwachsene werden». Es möchte «ein Blatt aufheben, es in seiner Hand drehen, die Form, die Adern studieren und beim Betrachten des Blattes auf die Idee kommen, dass die Hand der Grossmutter mit ihren vielen Falten und Adern Ähnlichkeit mit einem Blatt hat». Ein solches Kind brauche «Zeit für seine Studien», für sein Staunen auch.

Die Frage ist bloss, wie geschäftige, von der Arbeit gestresste oder innerlich getriebene Erwachsene noch die Musse entwickeln können, Kindern ihre Zeit zu lassen. Hinzu kommt, dass 40 oder 50 Jahre alte Menschen dem altersbedingten Irrtum erliegen, so ein hundsgewöhnliches Lindenblatt oder einen Allerwelts-Marienkäfer müsse man doch nicht länger als drei Sekunden anschauen, mehr gebe es doch da gar nicht zu sehen – das Staunen wurde längst verlernt.

Betrachten braucht Zeit

Dabei fängt das Betrachten bei vielleicht 30 Sekunden erst an und endet dann noch lange nicht, zumal dann, wenn das Betasten, Wiegen, Beschnuppern, Streicheln und natürlich das Beknabbern und Oma-Kitzeln noch hinzukommen. Genau deshalb sind Ruheoasen im Alltag mit Kindern so wichtig. Man zerstört sie, wenn man einen Vierjährigen im Zoo von den Seehunden loseisen möchte, nur weil er die Tiere beim Tauchen nun doch wirklich «lange genug» betrachtet hat.

Erwachsene starren dann immer wieder auf die Uhr: Schon sind 20 von den eingeplanten 90 Minuten vergangen, und man hat die rund 20 Franken an Eintritt doch nicht bezahlt, um ausser den Erdmännchen und dem drögen Nilpferd nur die Seehunde zu erleben. Wenn das so weitergeht mit der Trödelei, hat sich der Besuch im Tierpark doch «gar nicht rentiert», wie es dann gerne heisst. Dabei wäre an diesem Nachmittag schon viel gewonnen, wenn das Kind nur eine einzige Tierart näher kennen lernen dürfte, um später zu Hause begeistert von dem Gewusel im Wasser zu erzählen, ein Pinguin-Bild zu malen, abends vom Papa eine Pinguin-Geschichte zu erbitten und Tage später im Hallenbad zwischen den Beinen der Mutter selbst wie ein wild gewordener Antarktisbewohner hin und her zu tauchen. Ist das etwa keine 20 Franken wert?

Wenn Erwachsene Glück haben, schaffen es ihre Kinder, sie ein bisschen zu entschleunigen, sie durchatmen und niederknien zu lassen und so vielleicht erstmals im Leben einem Mistkäfer beim Schuften auf dem Waldweg zuzuschauen oder den Moosteppich auf einem vermodernden Baumstumpf zu bewundern. Denn Wunder gibt es immer wieder, jeden Tag einen ganzen Haufen, man muss sie nur sehen wollen. Oder sehen können, so wie Kinder. Wer ihnen und sich dabei helfen möchte, tut gut daran, einen simplen Grundsatz zu befolgen: Weniger ist mehr! Zehn Quadratmeter Blumenwiese sind eine ganze Welt, auch wenn niemand Reisen dorthin anbietet: Es reicht, sich neben das Kind ins Gras zu legen und die Augen zu öffnen, die Seele vielleicht auch. Wer sich auf diese Weise immer wieder einmal dem Tempo der Dreijährigen anpasst, braucht abends womöglich kein Yoga mehr.