Es herrscht Krieg in Russland. Ein Krieg um die Erinnerung. War das Zarenreich glanzvoll oder schrecklich? Und die Sowjetunion? Wer sind die wahren russischen Idole – progressive Dichter, Menschenrechtler? Oder Schlächter wie Stalin und Iwan der Schreckliche? Die Politik zerrt die Schlächter hervor und verwandelt sie in Helden. Manche Künstler wehren sich, Künstler wie die russisch-jüdische Poetin Maria Stepanova, geboren 1972 in Moskau.

Von Stepanovas Vorbild Joseph Brodsky stammt der grimmige Satz: «Das Einzige, was Poesie und Politik gemeinsam haben, sind die Buchstaben P und O.» Brodsky, 1940 in Leningrad geboren, muss Politik als System verabscheut haben: Der russisch-jüdische Poet ist von sowjetischen Behörden eingekerkert, schliesslich ausgebürgert worden. Poesie und Politik... «Es gibt», das sagte Maria Stepanova kürzlich in einem Interview, «ein drittes Wort mit denselben Buchstaben: Postmemory.» Nacherinnerung. Das Verhältnis einer Generation zu den Erfahrungen der Vorfahren, ein Geschichtsbild auf Basis von Schnipseln. In Russland tobt der Kampf der Erinnerungen, und Stepanova hat eben Stellung bezogen, mit einem grandiosen Erzählwerk: «Nach dem Gedächtnis».

Verbale Pyrotechnik

Eine Schlüsselepisode des Buchs spielt in den Neunzigern. 1991 zerfällt die Sowjetunion, ein Putsch fegt auch den Reformer hinweg, Michail Gorbatschow. Maria Stepanova, eben neunzehn, kauft blauen Lidschatten und «ein fahnentuchrotes Spitzenhöschen». Die Welt öffnet sich, doch die Eltern reden von Abbruch, Aufbruch, und Maria soll mit, mit nach Deutschland. Sie weigert sich. «Ich fand das Leben um mich herum rasend interessant.» Im April 1995 fährt der Zug der Eltern. Maria wird sich erinnern: Der Himmel über dem Bahnhof ist blau, die Stadt warm und sonntäglich leer, da bemerkt sie einen bierbäuchigen Kerl, aus einem Zug starrt er herüber und brüllt: «Schlagt-die-Jidden-rettet-Russland.» Später versteht sie ihre Eltern. «Sie hatten genug von der Geschichte, sie wollten ans Ufer.» Von welcher Geschichte? Im Fall der Eltern ist es die Geschichte der russischen Juden.

Stepanova will die neue Zeit mitgestalten. Bis 1995 studiert sie Literatur, sie hat Talent und Eifer, schreibt Lyrik und Essays. Die neue Zeit jedoch hält nicht, was sie versprochen. Es kommen: ein wölfischer Kapitalismus, Kriminalität und Kriege. Lyrik wird unwichtig, Stepanova aber bleibt dabei. «Poesie ist ein mächtiges Werkzeug des inneren Widerstands», sagt sie, ein Werkzeug gegen Unterdrückung. Sie publiziert zwölf Lyriksammlungen, viele werden preisgekrönt und übersetzt, auch ins Deutsche, ins Finnische, ins Hebräische. Kenner loben: Die Künstlerin herrsche meisterhaft über die Form, zugleich experimentiere sie. «Verbale Pyrotechnik» nennt ein Kritiker diese Lyrik, oft sei sie urkomisch. Manchmal aber klingt sie bitter politisch: «Die weisse Rose ist das Gefängnis, / Die rote Rose ist die Zelle, / Die gelbe Rose die Wache, / Wir sind getrennt, leb wohl.»

Die Poetin wird Journalistin und Verlegerin, sie betreibt eine Online-Plattform: colta.ru. Das Newsportal, ein Wachturm des freien Worts, hat heute 900 000 Besucher im Monat; die Seite finanziert sich über Spenden.

Mit Mann und Sohn lebt Maria Stepanova dort, wo sie immer gelebt hat: in Moskau. Zurzeit aber hat sie eine Gastprofessur in Berlin, an der Humboldt-Universität. Die Vorlesungen auf Englisch haben sprechende Titel: «Between History and Story» sowie «(Re)constructing the past: a DIY task». Wer an Vergangenheit interessiert sei, müsse sie selbst rekonstruieren.

2017 erscheint Stepanovas Roman. Der russische Titel «Pamjati Pamjati» ist ein Wortspiel, etwa: «Zum Gedenken an die Erinnerung». Auf Deutsch heisst das Buch nun «Nach dem Gedächtnis», es sorgt für Aufsehen. Was ist die Story? Es gibt keine. Stepanova erzählt stattdessen gleich Hunderte von Geschichten. Sie rekonstruiert die letzten 200 Jahre ihrer Familie, einer jüdisch-russischen Familie von Advokaten, Architekten, Ärzten. Flüssig, unterhaltsam schreibt Stepanova über schwere Themen.

In einem Rundfunk-Interview meinte die Autorin vor ein paar Wochen: «In Russland geht ein Trauma in ein anderes über. Als würde man aus einem Zimmer, in dem die Decke eingestürzt ist, in das nächste Zimmer flüchten, und auch dort kommt die Decke runter.» Streiflichter aus Stepanovas Buch: Ihre Grossväter im Krieg. Belagerung und Evakuierung von Moskau. Stalins Launen. Der rote Terror, Welle auf Welle. Und auf Dutzenden Seiten berichtet die Autorin über Judenhass in Russland und in der Sowjetunion, Hass, den die Verwandten zu spüren bekamen.

Die Unsichtbaren

Stepanovas Vorfahren bilden eine merkwürdige Spezies: Sie alle haben Krieg und Diktatur überlebt. Keiner starb an der Front oder in einem Lager. Wie das? Weil die Verwandten viel Energie darauf verwandten, unsichtbar zu bleiben, meint die Autorin. «Bei allen anderen bestand die Familie aus Protagonisten der Geschichte, bei mir nur aus ihren Untermietern.»

Ein Labyrinth

In ihrem Dokumentarroman gibt Stepanova diesen Unsichtbaren nun Stimme und Gestalt. Sie beschreibt Fotos, zitiert aus Briefen. «Ich wollte ein Denkmal errichten für diese Menschen, dafür sorgen, dass sie sich nicht auflösen», heisst es in der Liebeserklärung über 500 Seiten. Die schillerndste Gestalt ist eine Urgrossmutter, Sarra Abramowna Ginsburg. Sie stieg auf die Barrikaden, sass 1907 in Sankt Petersburg im Gefängnis; ab 1908 studierte sie in Paris Medizin, als Ärztin kehrte sie zurück. Die Urenkelin erbt ihre engen Glacéhandschuhe, ihren schwarzen Hut mit Straussenfeder – und das Bild einer furchtlosen Frau.

Wie kommt ein Mensch dazu, die Vorvergangenheit derart tief zu ergründen? Weil er oder sie das grosse Vergessen als Verrat empfindet. Stepanova war zehn, als sie ihre Mission zum ersten Mal spürte – und zum ersten Mal scheiterte. «Streng genommen, besteht die Geschichte dieses Buches aus einer langen Reihe von Rückziehern und Ausreden», heisst es einmal lapidar. Als «zügiges, lineares Narrativ» habe sie sich diese Geschichte später vorgestellt. Doch bei jedem Anlauf zerfiel sie in Fragmente, «in Fussnoten zu einem nicht vorhandenen Text». Am Ende brauchte es Arbeitswillen über Jahre, Selbstkasteiung und starke Förderer.

Die Menschen, über die Stepanova schreibt, waren lange vor Beginn des Projekts schon nicht mehr da. Nur Lebloses blieb: eine Brosche der Urgrossmutter, ein Gebetsmantel, zweihundert Jahre alte Sessel. Die toten Dinge – so beschreibt es die Autorin anrührend – werden für sie zu Verwandten wie die Unbekannten in den Fotoalben. «Mit jedem Todesfall tauchen neue Dinge auf, in jenem zufällig endgültigen Zustand, an dem nur ihre verstorbenen Besitzer noch etwas hätten ändern können.» Ein stärkeres Bild für Sterben und Vergänglichkeit findet man selten. Am Ende des Buches heisst es poetisch: «Die Dinge, die ich nicht retten konnte, stieben nach allen Seiten auseinander.» Was bleibt: eine brillante Studie über das Wechselspiel von Geschichte und Erinnerung; ein Gewebe, transparent, aus vielen Schichten; ein epischer Roman – spannend, gelehrt und gut zu lesen. Ein Labyrinth ist dieses Buch. Und der Leser ist herzlich eingeladen, sich zu verirren.

Maria Stepanova: Nach dem Gedächtnis. Aus dem Russischen von Olga Radetzkaja. (Suhrkamp Verlag), 527 Seiten.