Die 130-jährige Geschichte von ABB und ihren beiden Vorgängerfirmen Brown Boveri und Asea ist eng verknüpft mit der Industrialisierung und Elektrifizierung der westlichen Welt. Mit dem Ausstieg von ABB aus dem Geschäft mit der Stromübertragung verabschiedet sich ein Pionier der ersten Stunde vollständig aus diesem Markt.

Das ist zunächst erstaunlich, denn die weltweit benötigten Infrastrukturen zur Erzeugung und Verteilung von Strom sind noch nicht fertiggebaut. Die internationale Energieagentur erwartet bis 2040 eine Verdoppelung der Kapazitäten in Südostasien, Afrika und im Nahen Osten. In China werden sie sich mehr als verdoppeln, in Indien gar verdreifachen.

Die Digitalisierung und die damit verbundene Automatisierung vieler industrieller Produktionsschritte steigert den Bedarf nach elektrischer Energie ebenso wie der Trend zur E-Mobilität. So zuverlässig diese Aussagen langfristig auch sein mögen, kurzfristig sind die konkreten Investitionsentscheidungen unsicher. Die Aktionäre der Firmen, die in solchen Märkten tätig sind, brauchen Stehvermögen, Geduld und einen weiten Horizont.

Diese Qualitäten sind bei den ABB-Eignern offensichtlich nicht mehr vorhanden. Sie erzwingen den Umbau ihrer Firma in eine Portfolio-Gesellschaft, aus der sich jederzeit ein Teil herauslösen und verkaufen lässt, wenn es den Renditeansprüchen nicht mehr genügt. So lässt sich kurzfristig zweifellos eine bessere Performance erreichen. Aber das neue ABB-Geschäftsmodell hat etwas zu viel mit finanziellem Opportunismus und zu wenig mit unternehmerischer Vision zu tun. Deshalb ist zu erwarten, dass von dem, was der Name ABB suggeriert, langfristig kaum etwas übrig bleiben wird.

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