Das Ich wurde im Frankreich des 17. Jahrhunderts erfunden. Als René Descartes «ich denke, also bin ich» schrieb, legte er das Fundament für die Entwicklung des modernen Subjekts, das sich später im Zeitalter der Aufklärung von den Zumutungen absoluter Monarchien und einer totalitären Kirche befreien konnte. Der Preis für diese Selbstermächtigung, die bis heute anhält, war die Trennung des Geistes von der materiellen Welt, die nunmehr rein funktional war und kalt, eine Maschine, die der Mensch verstehen und bedienen konnte, von der er aber kein Teil mehr war. Damit wurde auch Gott aus der Natur vertrieben, der seinen Platz noch eine Weile im Geist des Menschen behielt, bis ihn Nietzsche zwei Jahrhunderte später auch von hier verjagte, und als sich 1945 der Nationalismus und 1990 der Kommunismus auflösten, war das Einzige, was uns neben Markt und Geld anzubeten blieb, unser Ich. Wir waren vollkommen frei.

Heute fühlt sich diese Freiheit manchmal wie Verlorenheit an. Dann sehnt sich etwas in uns nach einem Platz, an den wir gehören, nach einer Familie, nach Heimat, nach einem Volk, das seinen Lebensraum verteidigt. Und wenn wir die Kneipe dann wieder verlassen haben, das Fussballstadion oder das Einkaufszentrum, dann sind wir froh um unsere Ruhe, wir verkriechen uns in unseren Wohnungen, zwischen weichen Decken und Sofakissen mit bunten Bezügen, wir küssen unsere Kinder, Gute Nacht, und versinken vor dem Einschlafen noch kurz in einer virtuellen Blase aus Meinungen, Wünschen und Erlebnissen, die unseren ähnlich sind. Am nächsten Morgen gehen wir wieder arbeiten, des Geldes wegen, für die Wohnung, das Auto, den Urlaub, die Kinder, das Entrecôte. Und es könnte immer so weitergehen, kann es aber nicht.

Es gab immer schon Katastrophen und Kriege, Seher und Seuchen, Prophezeiungen und Angst. Trotzdem glaube ich, dass gerade etwas völlig Neues passiert. Ich halte das, was gerade passiert, für neu, weil es diesmal kein finsteres anderes ist, das die Menschheit bedroht, keine Pest, keine Hunnen oder Ketzer, keine Nazis, Russen oder Ausserirdische. Diesmal geht die Gefahr vom ganz normalen aufgeklärten und industrialisierten Durchschnittsmenschen aus, von jeder und jedem Einzelnen, die oder der ein Dach über dem Kopf hat und einen Stromanschluss. Von uns allen. Wir sind nämlich gerade dabei, uns selbst auszulöschen.

Wir verbrauchen zu viele Ressourcen, wir erzeugen zu viel Müll, wir verändern Atmosphäre und Oberfläche des Planeten, den wir bewohnen. Wir betreiben die Vernichtung unserer Lebensgrundlage aus Bequemlichkeit und mangelnder Fantasie. Wir können uns nicht vorstellen, was mit der Welt passiert, wenn wir weiter so leben, wie wir leben, weil wir alle viel zu sehr mit uns selbst beschäftigt sind. Wir sind nicht fest genug eingebunden in eine Gemeinschaft, um uns die Konsequenzen (denen wir uns als Einzelne ja immer wieder entziehen, durch Zerstreuung, Rausch oder Rückzug) so auszumalen, dass sie uns wirklich berühren und uns dazu bringen würden, Verantwortung zu übernehmen und endlich zu handeln.

Wir stehen an einem Punkt, an dem wir entscheiden müssen, ob wir überhaupt noch ein Wir sein wollen. Wir müssen entscheiden, ob es noch eine Zukunft geben soll für unsere Spezies, ob es überhaupt noch sinnvoll ist, uns zu organisieren und gemeinschaftlich zu handeln, im Sinne von Werten, an die wir alle glauben können und für die wir gemeinsam einstehen, hier und heute. Wir müssen entscheiden, ob Gesetze und Rechte für alle Menschen gelten sollen oder nur für die, die es sich leisten können, ihren Schutz in Anspruch zu nehmen, wenn sie ihn brauchen, und die Pflichten über Bord zu werfen, wenn sie dem einzigen wirklich universalen Wert, den es derzeit auf der Welt gibt, im Weg stehen: der Vermehrung von Geld.

Vor ein paar Tagen sass ich frühmorgens an der Tramstation Lochergut in Zürich auf einer Bank, es war noch dunkel, hinter mir brausten schwere Geländewagen vorbei, vor und neben mir standen und sassen Menschen verschiedenster Herkünfte und Geschlechter in bunten Kleidern und Nadelstreifenanzügen, mit Wanderschuhen und High Heels und personalisierten Sneakern, mit oder ohne Jutebeuteln, Rimowa-Rollkoffern und Plastiktüten, und alle gemeinsam starrten sie jede und jeder für sich in das leuchtende, rechteckige Licht schräg unter ihren Gesichtern, und ich fragte mich, ob das wohl irgendwann auch mal wieder aufhört mit diesen Smartphones, den SUVs und den Billigflügen, den Kaffeekapseln, den Gurken in Plastikfolie. Ob es denn wirklich sein kann, dass alles immer noch grösser wird und mehr und günstiger und lauter und individueller? Oder ob nicht jede Entwicklung in der Geschichte, jede Bewegung auf dem Planeten, jede Dynamik im All irgendwann einmal einen Punkt erreicht, an dem sie ihr Momentum verliert, ihr Tempo und ihre Wucht, und plötzlich wird sie langsamer und langsamer, kommt irgendwann zum Stehen und kehrt sich vielleicht sogar um. Nach einer Weile nahm ich mein Telefon aus der Tasche und öffnete eine Nachrichtenseite. Auf dem zersplitterten Display meines iPhone 5 las ich, dass der Wert von Apple nach Kursstürzen an Börsen überall auf der Welt um 40 Milliarden Dollar gesunken sei, wegen schwankender Nachfrage.

Vielleicht haben wir ja wirklich langsam genug. Genug Dinge, genug Auswahl, genug Ungewissheit, genug Einsamkeit. Vielleicht brauchen wir Menschen einander doch mehr, als wir glauben, zum Beispiel, um uns ab und zu daran zu erinnern, dass wir eigentlich ganz in Ordnung sind. Vielleicht haben wir genug aufgelöst, gelockert, dereguliert, zerschlagen, getrennt. Vielleicht ist es an der Zeit, das Wenige, was uns noch miteinander verbindet, etwas behutsamer zu behandeln.

Zum Beispiel internationale Verträge.

Vielleicht ist das Wir der Hintergrund, vor dem das Ich erst seine Form gewinnt.