Xherdan Shaqiri und José João Gonçalves: Das sind zwei unterschiedliche Männer mit mindestens drei gemeinsamen Merkmalen. Sie haben einen Migrationshintergrund, können siegen und gehören zur Praktikerelite. Der Nati-Kicker Shaqiri vom FC Liverpool wird heute schon als Legende gefeiert. Ähnliches gilt für José João Gonçalves. Nachdem er im Jahr 2000 aus Portugal in die Schweiz zu seinen Eltern kam, lernte er intensiv Deutsch, machte eine Lehre als Autolackierer und holte 2005 an der Berufsweltmeisterschaft in Helsinki die Goldmedaille. Aktuell besitzt er eine eigene Firma.

Die Fussballnationalmannschaft ist zwar das Pendant der Berufsmeisterschaften, SwissSkills genannt, doch mit einem bemerkenswerten Unterschied. Die Nati gehört mit 65 Prozent Secondos zu den international multikulturellsten Teams, währendem die Erstplatzierten der SwissSkills jeweils ein paar wenige Prozent ausmachen – bei einem Secondoanteil in unserem Land von 38 Prozent! Die Fussballnati ist eine weitgehend inländerfreie Söldnertruppe, die SwissSkills-Medaillengewinner sind eine fast ausländerfreie Truppe der Einheimischen.

Durchschnittlich stehen Secondos den Schweizern in nichts nach

Warum haben SwissSkills-Erstplatzierte so selten einen Migrationshintergrund? Sind sie zu wenig gut? Oder fallen sie durch die Maschen, weil das stereotype Bild der leistungsschwachen Migranten vorherrscht, die vor allem Probleme verursachen? Kaum. Denn exzellente Lehrabsolventinnen und -absolventen aus einfachen Migrationsfamilien sind eine empirische Tatsache. In unserer repräsentativen Studie «Mirage» haben wir die 500 Secondos mit den besten Lehrabschlussprüfungen befragt und sie mit den 500 besten Einheimischen verglichen. Durchschnittlich stehen Secondos den Schweizern in nichts nach, sie überflügeln diese sogar im Salär und im Berufsstatus – das ist das Hauptergebnis der Studie.

Unser Berufsbildungssystem hat somit die besondere Qualität, einen bemerkenswerten Anteil an Migrantinnen und Migranten an die Spitze zu bringen. Dass es trotzdem nur wenige auf einen Medaillenrang an den SwissSkills schaffen, hat unsere zweite Studie über die SwissSkills deutlich gemacht. Warum dem so ist, bleibt allerdings eine wissenschaftliche Erklärungslücke, die sich nur mit Mutmassungen füllen lässt. Erstens könnte es die finanzielle Situation sein. Die Mehrheit der leistungsbesten Secondos ist in einem von Knappheit geprägten Milieu aufgewachsen, weshalb sie eine berufliche Identität entwickelt haben, die mehr auf finanzielle Verwertbarkeit und weniger auf Weiterbildung ausgerichtet ist. Weil der Weg an die SwissSkills-Spitze mit einem grossen Zeitaufwand verbunden ist und manche deshalb Ferientage oder unbezahlte Ferien beziehen müssen, ist er für viele Secondos wenig attraktiv. Allerdings gibt es noch eine andere Erklärung: ihre bemerkenswerte Berufsunzufriedenheit. Secondos wechseln doppelt so oft wie Einheimische den Beruf und konzentrieren sich deshalb vor allem auf die neue Tätigkeit und nicht auf Berufsmeisterschaften. Dabei spielen die Eltern eine wichtige Rolle: Je höher sie den beruflichen Erfolg ihres Sohnes oder ihrer Tochter gewichten, desto höher ist der Anteil des Berufswechsels.

Einheimische Lehrlinge werden meist als kompetenter eingeschätzt

Ein dritter Grund ist der Defizitblick auf Migrantinnen und Migranten. Wie in kaum einem anderen Land ist in der Schweiz normativ vorgegeben, wer gute und wer schlechte Leistungen erbringt. Einheimische Lehrlinge aus «normalen» Familien werden im Vergleich zu solchen aus einfachen Migrationsmilieus meist als kompetenter eingeschätzt, weshalb ihre Stärken bewusst oder unbewusst ignoriert werden.

Die SwissSkills haben der Berufsbildung einen enormen Schub verliehen und ihnen zu einer besonderen Attraktivitätssteigerung verholfen. Diese Dynamik gilt es für die nächsten Berufsmeisterschaften zu nutzen und um die Dimension der kulturellen Vielfalt gezielt zu erweitern. Zwar darf der hohe Secondo-Anteil der Fussballnati nicht zum Benchmark werden, aber zum Signal, dass unsere Berufsmeisterschaften einen wichtigen Beitrag zur interkulturellen Öffnung des Berufsbildungssystems und seiner Praktikerelite leisten sollen. Liebe Berufsbildende, Eltern, Lehrkräfte, Trainer und Freunde: Motiviert diese jungen Menschen, an den SwissSkills teilzunehmen!