Ausgerechnet ein Meister der Fiktion ist eines meiner Vorbilder für journalistisches Schaffen. Das klingt in Zeiten des Skandals um die gefälschten Reportagen von Claas Relotius ironisch. Aber ich stehe dazu. Paul Auster, New Yorker Schriftsteller, sagte: «Stories only happen to those who are able to tell them.» Geschichten passieren nur jenen, die sie auch erzählen können. Heisst: Erst wenn wir Geschehenes mit den richtigen Worten zu einem packenden Erzählstrang zu verweben vermögen, nimmt das Geschehene Gestalt an. Ansonsten bleibt es unsichtbar, unfassbar, unerzählbar eben.

Was für die erfundenen Geschichten eines Paul Austers gilt, gilt auch für journalistische Geschichten von Reporterinnen und Reportern. Abstrakte Daten, nüchterne Fakten allein packen meistens zu wenig. Geschichten sind seit Menschengedenken das Gewebe, das eine Gesellschaft zusammenhält. Eine Form, die wir auch im Journalismus wählen, damit etwas haften bleibt.

Geschichten finden und erfinden ist nicht dasselbe

Darum macht mich der Fall Claas Relotius wütend. Nach seinen verwerflichen Lügen stehen zahlreiche gewissenhafte Kolleginnen und Kollegen unter Generalverdacht. Und dies ausgerechnet im Journalismus, wo Vertrauen ein besonders hohes Gut ist. Diese Branche versteht sich als vierte Gewalt, als Instanz, die kritisch hinterfragt und Missstände aufdeckt. In Zeiten von Fake News und dem Kampf um die Glaubwürdigkeit der etablierten Medien wiegt jeder Vertrauensverlust doppelt schwer. Nun, da Claas Relotius die unerlässliche Trennschärfe zwischen Fiktion und Journalismus aufgehoben und mit seinen Fälschungen die Medienbranche erschüttert hat, gibt es zahlreiche Stimmen, die das Ende des «Storytellings», das Ende der attraktiv erzählten Geschichte als Reportageform heraufbeschwören, ja gar einfordern.

Mit Verlaub, das ist der falsche Schluss. Ich bin sehr wohl bereit, schonungslos das System zu hinterfragen. Den Druck innerhalb der Redaktionen nach guten, klickstarken Storys. Den Hunger nach frischen Geschichten. Aber ich stimme nicht in den Abgesang der Geschichte als journalistische Form ein. SRF-Chefredaktor Tristan Brenn unterstreicht zu Recht: «Geschichten erfinden und sie finden ist nicht dasselbe. Letzteres ist Journalismus» Also: Was ist denn jetzt, wenn nach dem Fall Relotius nichts mehr ist wie vorher?

Authentizitätsmerkmale für Reportagengeschichten

Wir müssen uns etwas einfallen lassen. Transparenz ist für mich sowieso das Losungswort der Stunde. Der Fall Relotius bestärkt mich darin. Vorbei sind momentan die Zeiten, wo es reicht, einen Text abzudrucken und davon auszugehen, die Leserschaft glaube alles Geschriebene. Es gilt hier offensiver zu werden und das Recherchierte stärker nachvollziehbar zu machen. Ideen sind gefragt.

Der Journalist Michael Furger beispielsweise schreibt als Reaktion auf den Fall Relotius zu einer Flüchtlingsreportage in der «NZZ am Sonntag» einen Werkstatt-Bericht. Darin erklärt er, wie der Text zustande kam, wie ein Team im Ressort die Reportage von Sacha Batthyany mit Diskussionen über Wochen mittrug, wie auch Fotografen den Reporter begleiteten. Er schreibt also ein «making of». Das ist ein intelligenter Ansatz, der Leserschaft zu versichern, dass sauber gearbeitet wurde.

In diesem Zusammenhang bekommt auch die Frage einer Zuschauerin neues Gewicht. Sie fragte mich, warum es nötig sei, dass man das SRF-Mikrofon oder den Journalisten in einer Reportage aus Syrien im Bild sehe. Meine Antwort: Genau deshalb. Es ist ein Authentizitätsmerkmal. Es macht nachvollziehbar, dass unser Korrespondent vor Ort selber ist, beobachtet, dokumentiert. Augenzeuge ist. Dass er Geschichten erzählt, die er erlebt hat.

Solchen Authentizitätsmerkmalen gilt es fortan bei Reportagengeschichten mehr Beachtung zu schenken. Auf allen Medienkanälen. Hierfür gibt es verschiedene Möglichkeiten. Von Bildbeweisen über Hintergrundinfos bis hin zu Online-Chats für die Leserschaft mit Protagonisten aus den Reportagen. Vielleicht führt ja die erhöhte Alarmbereitschaft in den Redaktionen zu neuen, kreativen Ansätzen.

Übrigens gibt es doch einen grossen Unterschied zwischen Paul Auster und dem Journalismus. Er meinte: Während eine Geschichte gelesen wird, wird die Realität ausgeblendet. Für den Journalismus aber gilt: Während eine Geschichte gelesen wird, wird Realität sichtbar.