Fortschritt und Zweifel sind Geschwister im Geiste. Den einen gibt es nie ohne den anderen. Zum Glück für die Menschheit. Denn zweifelsfreier Fortschritt gleicht einer Achterbahn in die Zukunft, bei der die Passagiere sich ungesichert in die Tiefe stürzen. Finaler Absturz inbegriffen.

Bei allen Kopierfehlern, die sich in der Evolutionsgeschichte der Menschen eingeschlichen haben, biologische und soziale gelernte, haben wir es doch ganz schön weit gebracht. Wir sind noch da. Das ist nach 200 000 Jahren nicht selbstverständlich, eine Leistung in Selbstbewahrung, die wir auch Humanismus nennen. Ob der ausreicht, die immer wieder aufflackernden skrupellosen Zünglein an der Waage der Balance zwischen Menschlichem und Möglichem im zivilisatorischen Zaum zu halten, darüber wird seit Menschengedenken kräftig gestritten.

Genveränderte Zwillinge: Durchbruch und Dammbruch zugleich

Vor einigen Wochen hat der chinesische Forscher He Jiankui die genveränderten Zwillingsmädchen Lulu und Nana der Weltöffentlichkeit präsentiert. He hat die Genschere CRISPR/Cas9 verwendet, um das Genom der beiden Retortenbabys so zu verändern, dass sie immun werden gegen das HI-Virus, den Erreger der Aids-Erkrankung. Hes Auftritt auf einer Konferenz in Hongkong war zumindest ein echter PR-Coup. Ob stimmt, was er vorgibt erreicht zu haben, ist immer noch umstritten. Und doch gilt: Dieser Fortschritt ist Durchbruch und Dammbruch zugleich.

Eingriffe in die Keimbahn mit CRISPR/Cas9 werden genetisch weitervererbt, sind also bleibend. CRISPR/Cas9 ist das Medium, mit dem die Menschheit sich neu über sich selbst verständigt und die Geschichte ihrer Zukunft schon in der Gegenwart schreibt. Und so treten wir ein in eine neue Zeit, in der die Menschen die Fortschreibung ihrer Evolutionsgeschichte selbst in die Hand nehmen. Unser Einstieg in die Achterbahn einer selbst entworfenen Zukunftsstrecke, bislang ohne Sicherung.

Am Ende des Jahrzehnts stehen wir vor einer Aufgabe, die niemand bislang so recht ausbuchstabiert hat. Es gilt, Regeln zu finden für einen künftigen Menschenpark, in dem nicht nur Krankheiten geheilt, sondern auch Exemplare der Spezies Menschheit nach Belieben designt werden können.

Was passiert, wenn wir den evolutionären Zufall herausrechnen?

Vor knapp zwanzig Jahren hat der Philosoph Peter Sloterdijk diese Aussichten in einer Rede («Regeln für den Menschenpark», 1997 in Basel und 1999 auf Schloss Elmau gehalten) provokativ hergeleitet. In Rückgriff auf die deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche und Martin Heidegger verlangte Sloterdijk einen «Codex der Anthropotechniken» zu formulieren, eine Sammlung von Normen, die Menschen sich im Umgang mit sich selbst und ihren Nachkommen geben. Sloterdijk wurde damals als reaktionär und als Befürworter einer Eugenik kritisiert. Er hat letztlich nur auf die Frage verwiesen, die sich nun ganz praktisch stellt: Was geschieht mit der Menschheit und ihrem humanistischen Betriebssystem, wenn wir den reproduktiven, evolutionären Zufall aus der künftigen Evolutionsgeschichte herausrechnen können? Und wer darf das für wen tun?

Mit diesem Jahreswechsel hat eine neue Zeit des Machbaren begonnen. Sie kann für Heilung, Hilfe und herausragende Innovationen stehen. Oder für den Horror der Ignoranz gegenüber einer der wesentlichen ethischen Fragen unserer Zeit: Wer darf bestimmen, wann das Individuum keine Wahl mehr hat, weil andere sie schon getroffen haben? Wollen wir den Humanismus als Code für unser Zukunftsprogramm erhalten, kann das Motto für diese neue Zeit nur lauten: Im Zweifel für den Zweifel und gegen den Zwang.