Knallgelb ist er, der Mercedes-Benz SLS AMG. Von aussen sieht man nicht, dass unter der langen Haube kein V8 brummelt. Erst, wenn sich der Bolide in Bewegung setzt, merkt das staunende Publikum, dass bei diesem Gerät etwas nicht so ist wie sonst. Denn der SLS AMG ED (für Electric Drive) fährt: quasi lautlos. Am meisten Lärm machen die Reifen, ansonsten ist nur ein ganz leises Summen zu vernehmen. So ein bisschen enttäuscht sind die Zuschauer an der Silvretta Classic schon, sie hätten gern den Lärm des normalerweise 571 PS starken Sportwagens gehört. Was die meisten nicht aber wissen: Das Elektro-Auto von Mercedes ist noch stärker. Die vier Elektro-Motoren, einer für jedes Rad, schaffen eine Höchstleistung von 750 PS sowie ein maximales Drehmoment von 1000 Nm (und dies, typisch für E-Autos, bereits ab Drehzahl 0). Der Benz rennt in 3,9 Sekunden von 0 auf 100 km/h und schafft eine Höchstgeschwindigkeit von (elektronisch begrenzten) 250 km/h. Reizt der Pilot diese Möglichkeiten aber aus, dann liegt die theoretische Reichweite des Stromers von 200 Kilometern in weiter Ferne.

Es reizt aber schon. Wir bewegen den E-SLS einen Tag lang über kurvige Gassen und lauschige Passstrassen im Montafon. Anfangs noch brav – der hohe Preis des Wagens sowie die nassen Strassen machen den Piloten nicht schneller. Aber irgendwann ist der Respekt – auch vor den im Konvoi vorab fahrenden Oldtimern aus dem Mercedes-Museum – ein wenig verflogen, die Gasse fast trocken. Und weil ja alle vier Räder angetrieben sind – ein kompliziertes System berechnet in Hundertstelsekunden, welches Rad denn genau wie viel Kraft ertragen und brauchen kann –, wird der Reiz von Kilometer zu Kilometer grösser, den gelben Flügeltürer ein bisschen fliegen zu lassen. Auch der Ferrari-, Porsche- und Lamborghini-erprobte Testfahrer ist dann sehr positiv überrascht, wie gnadenlos das umweltfreundliche E-Auto abgeht. Zwar ist der Benz weit über zwei Tonnen schwer, doch das spürt man beim Beschleunigen nicht (in den Kurven hin gegen schon  ...). Unglaublich souverän setzt der Mercedes seine urigen Kräfte frei, es ist ein wahrer Beschleunigungsrausch. Und weil der SLS diese kleinen Orgien lautlos umsetzt, hören die Kühe am Strassenrand die Freuden-Jauchzer der Insassen auch viel besser.

Zwar hat Mercedes die Produktion des SLS AMG unterdessen eingestellt, doch der eine oder andere «Electric Drive» soll noch käuflich sein. Mit 530’000 Franken sind diese Stromer angeschrieben, das ist viel Geld, auch wenn jedes Stück in Handarbeit entsteht. Die Stuttgarter werden diese Form des Elektro-Antriebes, der in seiner ursprünglichen Form in Zusammenarbeit mit den Schweizer Spezialisten von Brusa entwickelt worden war, nicht mehr weiter verfolgen, der Aufwand, die Kosten (und wohl auch das Gewicht) sind zu hoch, die Reichweite zu gering. Genau das ist auch das Problem auf dieser Ausfahrt – weil wir während der Mittagspause nicht «tanken» konnten, waren wir am Nachmittag immer leicht im Minus. Gemäss Reichweitenanzeige hätten wir es gar nicht ins Ziel schaffen können. Doch mit etwas zurückhaltenderer Fahrweise und fleissigem Rekuperieren beim Bergabfahren klappte es dann doch noch. Das Stromsparen lässt sich über Paddels am Lenkrad beeinflussen; sie steuern die Rekuperationsleistung. Vier Stufen können aktiviert werden, schaltet man auf maximal, kann man in Alltagsverkehr nahezu auf Bremsmanöver verzichten.
So ein bisschen unangenehm ist das aber schon, man kann durchaus Verständnis aufbringen für all jene, denen es in einem Diesel mit vollem Tank wohler ist als in einem E-Fahrzeug, bei dem alle Warnlampen bereits wild blinken. Trotzdem: Der SLS AMG Electric Drive ist der bisher wohl bunteste Hund unter den käuflichen Elektro-Autos. Die Fahrleistungen sind fantastisch, die Fahrfreude grossartig. So ein bisschen vermisst man in diesem «Sportwagen» einzig den Lärm.