Wenn Emmanuel Macron gemeint hatte, dass er die Protestbewegung der «gilets jaunes» mit seinen milliardenschweren Konzessionen vor Weihnachten eingedämmt habe, sieht er sich getäuscht. 50 000 «Gelbwesten» gingen am Samstag landesweit auf die Strasse, bedeutend mehr als während der Feiertage. 4000 waren es in Paris, 5000 allein in Bordeaux, das sich zu einem Zentrum der in der Provinz geborenen Bewegung mausert. Dafür kam es in der Weinstadt am Atlantik zu hohen Sachschäden.

Die spektakulärsten Bilder von dem achten Protestsamstag in Folge gab es einmal mehr in Paris. Das meistbeachtete Video zeigte einen – später als Profiboxer identifizierten – Schläger, der einen Polizisten in Vollmontur spitalreif verdrosch. Andere rammten mit einem Hubstapler das Portal eines Ministeriums und verwüsteten im Inneren mehrere Limousinen. Regierungssprecher Benjamin Grivaux musste wie schon im November über den Hofgarten fliehen. Zuvor hatte er erklärt, die Bewegung der Gelbwesten sei von «Agitatoren» unterwandert, die einen «Regierungsumsturz» anstrebten.

Macron verurteilt Gewalt

Nach der Attacke meinte der Sprecher, nicht er sei im Visier gewesen, sondern «die Republik». In Wahrheit richtete sich die Attacke gegen Grivaux, weil der Staatspräsident ausser Reichweite blieb. Der Élysée-Palast war auch am Samstag hermetisch abgeriegelt. Landesweit waren 56 000 Polizisten im Einsatz – mehr als Demonstranten. Macron verurteilte die «extreme Gewalt» und versprach eine entsprechende Antwort der Justiz. Die Polizei verhaftete nur 35 Personen, unter denen sich der namentlich bekannte Boxer nicht befand.

In einer Blitzumfrage erklärten sich 59 Prozent der Befragten «schockiert» von der gezielten Gewaltanwendung, die sich in Toulon auch in gefilmten Faustschlägen eines Polizeikommandanten ins Gesicht eines wehrlosen Demonstranten äusserte. Wegen der nicht abreissenden Gewaltspirale scheint die öffentliche Meinung den «gilets jaunes» weniger gewogen als zu Beginn der Proteste. Macrons Popularität nimmt aber deswegen nicht zu.

Um den abnehmenden Goodwill gegen die Sozialbewegung wieder herzustellen, sind gestern in vielen französischen Städten wie Caen, Toulouse oder Dijon Hunderte von «Gelbwestinnen» auf die Strasse gegangen. Die Mitorganisatorin Alix Christine erklärte ihren Appell am Ruhetag damit, dass viele ihrer Freundinnen Angst hätten, an den gewalttätigen Samstagsdemonstrationen teilzunehmen. Dabei seien die Frauen an den Verkehrskreiseln und Strassensperren im ganzen Land stark vertreten. Und die Verzweiflung alleinerziehender Arbeiterinnen, prekär lebender Behinderter oder von Kleinrentnerinnen sei ebenso gross.

«Wie in der Revolution»

Wie entschlossen die «Gelbwestinnen» sind, machte der Facebook-Aufruf für die Sonntagsdemo am Pariser Bastille-Platz klar: «Wir wollen uns doppelt so viel Gehör verschaffen wie die Männer – wie in der Französischen Revolution, als die Frauen die Umzüge anführten, die den König (in Versailles, die Red.) holen gingen.»

Heute wollten sie nicht länger im Hintergrund bleiben, heisst es in dem Aufruf weiter. «Wir bleiben komplementär und solidarisch mit den Männern; unser Kampf ist nicht feministisch, sondern feminin.» Das hindere sie nicht, für «mehr Gleichheit und Gerechtigkeit» zwischen den Geschlechtern einzutreten.