Zeigte sich Petrus im Vorfeld des Lenzburger Jugendfest-Banketts launisch und verunsicherte den Bankett-Caterer, wäre es dem langjährigen «Krone»-Wirt Otto Gerber nie in den Sinn gekommen, sich beim nationalen Wetterdienst zu erkundigen, ob man nicht gescheiter in der Mehrzweckhalle auftischen sollte. Im Zweifelsfall griff Gerber zum Telefonhörer und rief auf dem Schloss an. Peter Jud, seit Oktober 1996 Geschäftsführer von Schloss Lenzburg, war im Verlaufe der Jahre ein zuverlässiger Wetterprophet für die «Krone» geworden. Peter Jud lacht. «Ich war Ottis Bucheli.» Die Rede ist von Fernsehmeteorologe Thomas Bucheli.

Jetzt gehen Peter Jud und seine Frau Renate in Pension. Die grosszügige Wohnung auf dem Schloss ist leer geräumt. Die Zügelwagen haben Juds Hab und Gut bereits vom aussichtsreichen Schlosshügel hinunter zum «Volk» transportiert. Juds Daheim ist jetzt im neuen Quartier Widmi – immerhin noch mit Blick hinauf zum Schloss.

Ein letztes Mal schreitet Peter Jud durch die Zimmer, aus deren Fenster man den schönsten Weitblick von ganz Lenzburg geniesst. Er bleibt stehen, sagt: «Jetzt bin ich reif, das Schloss in andere Hände zu geben.» Es habe eine Weile gedauert, bis er soweit gewesen sei. Im Februar habe ein eine «kleine Krise» ereilt. Juds Rezept dagegen: «Ich bin Skifahren gegangen und habe in den Bergen den Kopf richtig ausgelüftet.»

Kein Candlelight-Dinner

Peter Jud macht einen entspannten Eindruck. Er hat die letzte Schlosssaison erfolgreich abgeschlossen. Seine Nachfolger Christine Ziegler und René Marty bleiben in ihrem Haus in der Stadt wohnen. Im Gegensatz zur Familie Jud, deren Wohnsitzpflicht vertraglich verankert war. «Das Schloss musste rund um die Uhr beaufsichtigt werden. Anfänglich lag ein Candle-Light-Dinner auswärts mit meiner Frau nicht drin», sagt Jud und schmunzelt. Aus ein paar Anekdoten, die er zum Abschied zu erzählen bereit ist, füllt sich ein halber Notizblock. Peter Jud outet sich dabei als kurzweiliger Erzähler.

Anstrengende Bräute

Über viele Vorkommnisse muss Jud heute selber schmunzeln. Vor allem die Intermezzi mit unzähligen Hochzeitspaaren, die sich auf der «Lenzburg» das Ja-Wort gegeben haben, scheinen kein Ende nehmen zu wollen.

Dabei waren es vor allem die Bräute, welche Schlossherr Jud herausforderten. Einige brachten ihn an den Rand der Verzweiflung. Dann etwa, wenn sie trotz miserabler Wetteraussichten unter dem freien Himmel im Schlosshof heiraten wollten und sich stur stellten gegenüber der wettersicheren Lösung im Rittersaal. Wandte sich Jud an den Bräutigam, habe der nur die Achseln gezuckt und gesagt: «Reden Sie mit meiner Frau.» Im Nachhinein ist nicht nur eine junge Braut Peter Jud um den Hals gefallen, wenn er sie und die Hochzeitsgesellschaft in allerletzter Minute vor den sich öffnenden Schleusen von Petrus ins Trockene gerettet hat.

Widerspenstige Vögel

Wenn nötig, hat Peter Jud seinen «Gästen» durchaus auch den Marsch geblasen. Etwa jener Gesellschaft, die den Rittersaal in ein brasilianische Insel umbauen wollten. Da hat der Schlossherr ein Machtwort gesprochen – und aus den heissen tropischen Nächten auf der Lenzburg wurde nichts.

Etwa mehr Geduld zeigte Jud mit dem kleinen Mauersegler, der eines Tages in einem Balken in der Decke des Rittersaals hing und sich nicht mehr fortbewegen wollte. Weder offene Türen, die den Weg nach draussen weisen sollten noch gutes Zureden fruchtete – der kleine Vogel rührte sich nicht vom Fleck. Über mehrere Tage hinweg. Jud war wie auf Nadeln. Im Rittersaal stand ein grosser Anlass mit mehreren hundert Personen auf der Agenda. Erst als er eine Bürste auf einen mehrere Meter langen Telescoper montierte und ihn dem Mauersegler entgegenstreckte, kam Bewegung in das Tierchen. Jud erzählt: «Als ich ihm sagte: ‹Stieg jetz druf!› machte er einen Hupf und flog aus dem Fenster ins Freie. Dann kam er nochmals zurück, als wollte er sich verabschieden, bevor er endgültig verschwand.»

Zwei Todesfälle

In seiner Arbeit wurde Geschäftsführer Peter Jud auch mit dem Tod konfrontiert. Zwei Menschen starben bei ihrem Besuch auf der «Lenzburg». Ein herzkranker Mann sei sozusagen neben Schlossdrachen Fauchi zusammengebrochen, erinnert sich Jud. Ein weiterer Todesfall ereignete sich an einer Bundesfeier, kurz bevor die damalige Bundesrätin Micheline Calmy-Rey zum Rednerpult schritt. «Die Feierlichkeiten wurden für kurze Zeit unterbrochen, dann wurde entschieden, den Anlass weiterzuführen», sagt Jud und zeigt sich auch Jahre danach noch beeindruckt über die staatsmännische Haltung, welche die Bundesrätin in der Situation an den Tag gelegt hat.

Peter Jud erzählt Episode um Episode, praktisch ohne Unterbruch. Dann öffnet er das Fenster – fürs Foto schaut er ein letztes Mal in die Ferne und geniesst das einzigartige Panorama, das die vergangenen 22 Jahre ganz selbstverständlich war.