Er gilt als einer der grössten Fälle von Wirtschaftskriminalität im Kanton Aargau: der Prozess gegen den Dintiker Luxusautohändler Riccardo Santoro (47). Das Gericht hat am Donnerstag die Anklageschrift publiziert. Sie umfasst 355 Seiten. Der Prozess vor dem Bezirksgericht Lenzburg ist auf 13 Tage angesetzt. Er beginnt am kommenden Montag.

Noch geheim ist, was Staatsanwalt Reto Steiger für einen Strafantrag stellen wird. Urteile aus vergleichbaren Fällen wie dem Betrugsfall ASE (Schaden von 170 Mio. Fr.) oder dem Fall der Goldschürfer von Othmarsingen (Schaden von 12 Mio. Fr.) deuten darauf hin, dass Riccardo Santoro mit einer Haftstrafe von fünf bis zehn Jahren rechnen muss. 

Die Liste der Vergehen, die der Staatsanwalt Riccardo Santoro vorwirft, ist lang: Er muss sich unter anderem wegen Misswirtschaft, gewerbsmässigen Betrugs und mehrfacher Veruntreuung verantworten. Die Deliktsumme beläuft sich laut Staatsanwaltschaft auf über 17 Millionen Franken.

Hohe Strafe zu erwarten

Santoro war der Betreiber der Firma SAR Premium Cars AG in Dintikon. Sie galt lange als Top-Adresse für Leute, die exklusive Autos zu vergleichsweise günstigen Konditionen suchten. Santoro arbeitete mit einer Leasinggesellschaft zusammen. Sein Geschäftsmodell wies Elemente auf, wie man sie von Schneeballsystemen kennt. 

Dicke Post: Die Anklageschrift gegen Santoro misst ausgelegt über 100 Meter

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Sein Vorgehen

Der Aargauer schloss die meisten Leasingverträge über die damalige Fidis Finance (Suisse) AG ab. Sein Vorgehen war immer ähnlich: 

Beispiel Porsche: Santoro schloss im August 2010 für seinen Kunden *Robert B. (*Name geändert) über seine Firma SAR bei der Firma Fidis einen Leasingvertrag für einen Porsche 911 Turbo Cabrio ab. Der Kunde Robert B. brachte das Auto aber nach nur sechs Monaten an die SAR zurück. Statt die Fidis über die Rückgabe zu informieren, verkaufte Santoro das noch immer im Eigentum der Fidis stehende Fahrzeug zum Preis von 170'000 Franken an einen Dritten weiter. Die Fidis erhielt kein Geld. 

Beispiel Lamborghini: Der Leasingnehmer Nathan N.* retournierte im Dezember 2010 seinen über die SAR bei der Fidis geleasten Lamborghini 147 Murcielago an die SAR. Der Beschuldigte Santoro meldete die Rückgabe der Fidis nicht. Stattdessen veranlasste er mit einem gefälschten Formular die Annullierung des Fahrzeugausweises und verkaufte den im Eigentum der Fidis stehenden Lamborghini zum Preis von 120'000 Franken. 

Beispiel BMW M3: Eric F.* brachte Ende November 2010 sein über die SAR bei Fidis geleastes BMW M3 Cabrio an die SAR zurück. Riccardo Santoro fälschte wieder ein Formular, um den Fahrzeugausweis durch das Strassenverkehrsamt des Kantons Tessin zu annullieren. Wieder meldete er die Rücknahme des Autos der Fidis nicht und verkaufte das Fahrzeug für 87'000 Franken. 

60 Luxusautos abgeholt 

Über Zeit fuhr Santoro hohe Verluste ein, weil er die Autos nach Beendigung der Leasingverträge von Fidis zurückkaufen musste. Nachdem die Fidis Santoro erst einen Zahlungsaufschub gewährt hatte, liess sie im Frühjahr 2011 in einer spektakulären Aktion 60 Luxusautos vom Parkplatz der SAR abtransportieren und reichte Strafanzeige ein. 

Dass die Aargauische Kantonalbank im Fall Santoro eine Rolle gespielt hatte, war schon seit längerem klar. Dank der Anklageschrift von Staatsanwalt Reto Steiger sind aber nun Details bekannt.

Unter Actorum 191 steht: «Am 5. Januar 2011 entschied die Geschäftsleitung der Aargauischen Kantonalbank, die Geschäftsbeziehung mit der SAR zu beenden. Ein Grund dafür war, dass das Risiko als zu hoch empfunden wurde, insbesondere angesichts der mangelnden Transparenz beim Warenlager und der unklaren Höhe der Rückkaufsverpflichtungen, der andere lag in den ungewöhnlich hohen Barzahlungen. Dass die SAR den Zwischenabschluss, den die Aargauische Kantonalbank im November 2010 verlangt hatte, erst Ende Januar 2011 liefern konnte oder wollte, war in diesem Zusammenhang ebenfalls problematisch. Ausgesprochen wurde die Kündigung am 18. Januar 2011 per sofort und die Rückzahlung des Rahmenkredits über 4,5 Millionen Franken wurde per Ende März 2011 verlangt». 

Unter Actorum 193 steht weiter: «Bis zum Konkurs blieb die SAR der Aargauischen Kantonalbank 2'372'041,90 Franken schuldig».

Sforza in der Anklageschrift 

In der Anklageschrift taucht in einer Liste von bestehenden Rückzahlungsverpflichtungen auch der Name von Ciriaco Sforza auf. Dieser hatte im Jahr 2010 für einen BMW X5 eine Anzahlung von 20'000 Franken geleistet. 

Der Prozess gegen Riccardo Santoro ist äussert komplex. Auch, weil es neben dem Staatsanwalt 21 Nebenkläger gibt. Unter anderem die Firma Ferrari Financial Services und das Konkursamt, das den Zusammenbruch der SAR Premium Cars AG behandelt. 

Riccardo Santoro ist bisher nicht geständig. Es dürfte während der Verhandlungen zu gegenseitigen Schuldzuweisungen kommen.