Dass sich Sozialdemokraten und Freisinnige im Aargau für das gleiche Ziel einsetzen, ist im Grossen Rat äusserst selten. Dies gilt insbesondere für die Gesundheitspolitik, so möchte die FDP zum Beispiel die Privatisierung der Kantonsspitäler prüfen, die SP wehrt sich entschieden gegen solche Pläne.

Doch wenn es um die Herzmedizin im Aargau geht, finden Vertreter der beiden Parteien mit der völlig unterschiedlichen Auffassung von den Aufgaben des Staates zusammen. Dies zeigt eine Interpellation zur Situation der Herzchirurgie, die Jürg Knuchel (SP) als Sprecher vertritt und Ulrich Bürgi (FDP) mitverfasst hat. Der ungewöhnliche Schulterschluss zwischen dem linken und dem rechten Gesundheitspolitiker lässt sich jedoch erklären. Knuchel und Bürgi sind beide als Ärzte am Kantonsspital Aarau (KSA) tätig, das mit der Hirslanden Klinik Aarau um den Leistungsauftrag für die Herzchirurgie im Aargau kämpft. Ende September teilte die KSA-Leitung mit, das Spital wolle die bisherige Kooperation mit Hirslanden aufkünden und selber Herzchirurgie anbieten. Die sehr kurzfristig informierte Leitung der Hirslanden Klinik reagierte verstimmt und wies die KSA-Verantwortlichen brieflich auf ihre Pflichten hin.

Kritik an geteilter Herzmedizin

Klar ist: Es wird im Aargau im Rahmen der Spitalliste 2020 nur einen Leistungsauftrag für die Herzchirurgie geben. Der Entscheid des Kantons ist laut Barbara Hürlimann, der Leiterin der kantonalen Abteilung Gesundheit, für Juni vorgesehen. Knuchel und Bürgi sind dezidiert der Ansicht, dass dieser ans Kantonsspital Aarau gehen sollte, wie sie in ihrem Vorstoss darlegen. Der Kanton gebe in der Eigentümerstrategie für das KSA einen «optimalen Behandlungspfad vor», schreiben sie. Gerade in einem komplexen Bereich wie der Herzmedizin sollten demnach alle Leistungen nach Möglichkeit unter einem Dach erbracht werden. Die heutige Aufteilung mit der Herzchirurgie in der Hirslanden Klinik und der Kardiologie im KSA entspreche nicht den Vorgaben des Kantons, sondern ist aus Sicht der beiden Ärzte «ineffizient und generiert unnötige Zusatzkosten».

Die aktuelle Situation sei «komplex und intransparent», heisst es im Vorstoss. Am Herzzentrum Aargau seien mit dem KSA und der Hirslanden Klinik zwei völlig unterschiedliche öffentlich-rechtliche bzw. private Spitalorganisationen und mit der Herzchirurgie Aarau AG zusätzlich ein privater Subunternehmer. Diese sei «zu 100 Prozent im Besitz zweier Professoren des Inselspitals Bern» – gemeint sind die beiden Herzchirurgen Thierry Carrel und Lars Englberger. Beide Professoren stünden am Inselspital zusätzlich in einer Vollzeitanstellung, heisst es im Vorstoss.

Wohin fliessen die Gewinne?

Die Interpellanten wollen wissen, ob der Regierung diese «delikaten Eigentumsverhältnisse» bewusst seien. Sie fragen, wie sich eine solche Struktur in einer Zeit stetig steigender Gesundheitskosten rechtfertigen lasse. Zudem verlangen sie Auskunft darüber, wie die Wertschöpfung geregelt und und wohin die Gewinne aus dem Herzzentrum Aargau fliessen. Es liege schliesslich auf der Hand, dass die Herzchirurgie aus betriebswirtschaftlicher Sicht interessant sei. Deshalb wollen die Grossräte auch wissen, welche Wertschöpfung dem KSA und dem Kanton als Eigentümer entgehen würde, wenn der Leistungsauftrag für Herzchirurgie unverändert an die Hirslanden Klinik Aarau vergeben würde. Und sie stellen auch Fragen zum möglichen «Worst Case» aus ihrer Sicht: «Welchen generellen Verlust an Fachkompetenz und welchen Verlust an Wertschöpfung würden das KSA und der Kanton als Eigentümer erleiden, wenn die gesamte Herz-Gefäss-Medizin dem KSA als Zentrumsspital entzogen und der Hirslanden Klinik Aarau übertragen würde?»

Hirslanden sieht Modell positiv

Wie steht die Hirslanden-Führung zur Kritik der KSA-Ärzte? Klinikdirektor Markus Meier hält auf Anfrage der AZ fest: «Die Zusammenarbeit zwischen KSA, der Hirslanden Klinik Aarau und dem Inselspital hat schweizweit Pioniercharakter.» Die Gründung des Herzzentrums Aargau sei vom zuständigen Departement aktiv gefordert worden. Meier betont: «Dank der Kooperation gelang es, im Aargau eine Herzchirurgie aufzubauen, welche die Anforderungen an Mindestfallzahlen und Qualität nicht nur erfüllt, sondern stark übertrifft und zudem Ärzte aus- und weiterbildet.» Dabei seien Vorteile aus öffentlichen, privaten und universitären Leistungserbringern vereint worden. Meier sagt: «Statt die bestehende Zusammenarbeit zu kritisieren, sollten derartige Modelle vielmehr für andere Fachgebiete geprüft und angepackt werden.» Solche Gespräche wolle Hirslanden mit dem KSA führen.

Der Hirslanden-Direktor weist überdies auf Fehler in der Interpellation hin. So seien ordentliche Professoren nicht beim Inselspital, sondern bei der Universität Bern angestellt. «Ausserdem sind beide Professoren nicht zu 100 Prozent in Bern tätig», stellt er klar. Im Übrigen seien weitere ärztliche Mitarbeitende der Herzchirurgie ausschliesslich in Aarau angestellt.