An seiner Medienkonferenz gestern in Zürich erklärte Geri Müller, er müsse jetzt die Vertrauensfrage stellen. Die Aargauer Zeitung hat sie aufgenommen und in der Stadt zahlreichen Persönlichkeiten gestellt. Die Antworten sind erdrückend negativ ausgefallen.

Die bürgerlichen Parteien haben mit einem gemeinsamen Communiqué in einer Einigkeit, wie sie in jüngster Vergangenheit selten war, Geri Müller zum Rücktritt als Stadtammann aufgefordert. «Es ehrt Geri Müller, dass er sein Fehlverhalten anerkannt und sich dafür entschuldigt hat», erklären CVP, FDP und SVP der Stadt Baden. Grundlegende Fragen zur Selfie-Affäre seien jedoch nach wie vor unbeantwortet.

Unterschriften für ein Inserat

Angelegenheiten aus dem Privatleben, so das Versenden von «expliziten Bildern» an eine Privatperson, sollen zwar nicht zur Qualifizierung der politischen Tätigkeit dienen, heisst es in der Mitteilung. «CVP, FDP und SVP sind jedoch der Meinung, dass die Autorität von Geri Müller als Stadtammann und Repräsentant der Stadt Baden nicht mehr ausreichend gegeben ist.» Darum sei für sie Geri Müller als Stadtammann nicht mehr tragbar. CVP, FDP und SVP fordern ihn zum Rücktritt auf. Für Simon Binder, Co-Präsident der CVP, ist die in der «Schweiz am Sonntag» beschriebene respektlose Chat-Äusserung über die Sekretärin ein zentraler Punkt in der ganzen Affäre.

Der Glaube, dass Geri Müller seine Arbeit wieder im Vertrauen der Mitarbeitenden der Stadt und der Bevölkerung ausüben könne, ist auch über die bürgerlichen Kreise hinaus ins Wanken gekommen. Zurzeit wird in Wirtschafts- und gesellschaftlichen Kreisen Unterschriften für ein Inserat gesammelt, mit dem man Müller öffentlich zum Rücktritt als Stadtammann auffordern will.

Aufgewühlte Stimmung

Bei den nichtbürgerlichen Parteien schreibt man Geri Müller noch lange nicht ab. Sofern er juristisch nicht belangt werden könne, handle es sich um eine rein private Angelegenheit, die sowohl eine Weiterführung des Stadtammannamtes als auch das Vertrauen nicht infrage stellen müsse, lautet der Tenor bei team, SP und Grüne. Dennoch ist man auch in diesem Lager über Müllers Affäre alles andere als begeistert.

Bei den Mitarbeitenden der Stadt herrscht mehrheitlich Schweigen. Eine gewisse Konsternation ist auszumachen. Und man ist froh, dass das Tagesgeschäft funktioniert. Niemand der Angefragten wollte sich allerdings namentlich zur Vertrauensfrage äussern. Auch anonym fielen die Antworten zurückhaltend aus, wobei spürbar wurde, wie aufgewühlt die Stimmung ist. Einerseits zeigen sich die Mitarbeitenden erstaunt über die Affäre des Stadtammanns, andererseits gibt es zahlreiche Stimmen, die auf das Recht des Privatlebens des Betroffenen hinweisen und Müller in Schutz nehmen.

Man könne sich eine Zusammenarbeit im Vertrauen doch noch vorstellen, war selbst auf höheren Verwaltungspositionen zu vernehmen – sofern die Abklärungen ergeben, dass keine deliktischen Vergehen vorliegen, wurde oft als Bedingung aufgeführt. Klarheit darüber bestehe allerdings noch nicht, führten kritischere Stimmen aus.

Deutliche Worte von Bürge

Wer in seiner Position oder Geschäftstätigkeit mit der Stadt verknüpft ist, äusserte sich zurückhaltend. «Das ist eine politische Angelegenheit. Es steht mir nicht zu, ein Urteil abzugeben», sagt Roberto Scheuer, Geschäftsführer der Trafo Baden Betriebs AG. Peter Blöchlinger, Verwaltungsratspräsident der Stadtcasino Baden AG, erklärt, dass der Verwaltungsrat auch ohne Geri Müller als Abgeordneter des Stadtrats funktioniere. Antonia Stutz, Präsidentin der Theaterstiftung Baden-Wettingen, hingegen bringt Zweifel an Geri Müller an: «Ich glaube nicht, dass er sein Amt wieder integer führen kann.» Deutliche Worte hat Alt- Stadtammann Josef Bürge (CVP) für seinen Nach-Nachfolger: «Die Konsequenz ist klar: Nur ein raschestmöglicher, bedingungsloser Rücktritt von allen öffentlichen Ämtern kann weiteren Schaden von Wählerschaft, Stadt, Kanton, Parteien und politischen Institutionen abwenden.»

Rücktritt und Neuwahl?

Trotz mehrheitlich kritischen Antworten ist die Vertrauensfrage nicht geklärt. Laut Sander Mallien (GLP) und alt Stadtrat Reto Schmid (CVP) könne letztlich nur das Stimmvolk die Vertrauensfrage abschliessend beantworten. «Geri Müller soll zurücktreten und sich dann einer Neuwahl stellen», lautet ein Vorschlag.