Als Lokomotivführer Gregor Tomasi nach 41 Dienstjahren 2005 pensioniert wurde, war er bereit für eine neue Aufgabe. Denn auch seine Modelleisenbahnanlage hatte er nach jahrelanger Arbeit fertiggestellt, und sie galt als einzigartig. Die Zeitschrift «Schweizer Familie» hatte sie gar zur schönsten Anlage der ganzen Schweiz gewählt. Als ehemaliger Dampflokheizer wusste Tomasi sehr genau, wofür er die neu gewonnene Zeit einsetzen wollte: «Ich wollte die alten Depotanlagen beim Bahnhof reaktivieren und die schönsten Dampflokomotiven zurück nach Brugg holen.»

Dazu muss man wissen, dass vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Brugger Lok-Depot 157 Männer als Lokführer, Heizer und Depotarbeiter beschäftigt waren; vom Depot Brugg aus wurden 57 Lokomotiven betreut. Doch nach der Elektrifizierung des Schweizer Bahnnetzes verkümmerten die Dampflok-Einrichtungen zusehends. Die einzigartige Rundlok-

Remise mit den sieben Toren und Gleisen hinter dem Brugger Bahnhof diente nur noch als Lager und Einstellraum für Fahrzeuge.

Steinkohle aus Wales

«Da ich etwas Seriöses und Dauerhaftes begründen wollte, lag es nahe, eine Stiftung zu gründen», erklärt Tomasi auf einem Rundgang durch den Bahnpark. Als Brugger sei ihm dabei seine grosse Verbundenheit mit der Stadt zugutegekommen. Tomasi hatte für die SP im Einwohnerrat politisiert, war später auch acht Jahre lang Brugger Stadtrat. So fiel es ihm auch nicht schwer, die richtigen Leute mit den für das Vorhaben richtigen Fähigkeiten und Verbindungen für den Stiftungsrat zu begeistern. Mit 8000 Franken Stiftungskapital startete man 2006 das Projekt «Bahnpark Brugg». Präsident wird Gregor Tomasi; das Ziel der Stiftung ist unmissverständlich: «In den Gebäuden des alten Bahndepots in Brugg entsteht mit dem Bahnpark Brugg das lebendigste Zentrum für historisch wertvolle, betriebsfähige Dampf- und Elektrolokomotiven im Mittelland.»

Was im Jahre 2006 ziemlich verwegen klang, ist heute Realität geworden. Das Depot mitsamt der Drehscheibe ist saniert. Im Bahnpark Brugg sind zurzeit neun Dampflokomotiven stationiert, dazu mehrere Diesel- und Elektroloks und eine Reihe von weiteren eisenbahntechnischen Einrichtungen aus der Vergangenheit. «Praktisch alle unsere Lokomotiven sind betriebsfähig», sagt Tomasi. Die Steinkohle für die Dampfloks kommt aus Wales. Viermal pro Jahr bringt ein Sattelschlepper je 23 Tonnen nach Brugg.

So viel Kohle ist nötig, denn die Dampfloks werden oft eingesetzt. So etwa für Fahrten anlässlich der Tage der offenen Tore. Oder für private Touren: Nach dem Gespräch mit dem Journalisten hat Tomasi eine Besprechung mit einem Kunden, der eine historische Zugskomposition für eine Fahrt mit 120 Personen mieten möchte; Ziel der Fahrt ist Stein am Rhein.

Ferien im Depot

Der Bahnpark Brugg ist also kein hübsch aufgemachter Eisenbahn-Schrottplatz, sondern ein ziemlich lebendiges Museum. «Wir wollen keine geschminkten Leichen», sagt Tomasi. Man ist stolz darauf, dass die ausgestellten Loks ihren historischen Wert nicht statisch herzeigen, sondern auch dampfend und fauchend dynamisch vorführen können. Dass der Bahnpark ein lebendiges Museum ist, verdankt er auch dem raffinierten Konzept. Die Lokomotiven, die sich im Depot befinden, gehören nicht dem Bahnpark, sondern verschiedensten Besitzern, die ihre Loks im Bahnpark platzieren und restaurieren. Sie bezahlen dem Bahnpark Miete pro Meter Gleis, den sie im Depot benötigen. Zu den Mietern gehören etwa SBB Historic, der Verein Dampfgruppe Zürich oder der Verein Mikado. Im Bahnpark Brugg wird auch eine Dampflokomotive restauriert, die einem Privatmann vom rechten Zürichseeufer gehört, der sich damit den teuren Traum von der eigenen, teuren Dampflokomotive erfüllt.

Tomasi kennt die Lebensgeschichte jeder Lok, die im Bahnpark steht. Er weiss jede Menge Anekdoten; er ist ein guter Erzähler. Aber mehr als alle Lokomotiven bedeute ihm persönlich, dass das Depot gerettet werden konnte und wieder ein richtiges Depot ist, das lebt: Hier wird täglich gearbeitet. Lokomotiv-Fans jeglichen Alters und Provenienz beschäftigen sich unermüdlich und oft jahrelang mit der möglichst perfekten Restaurierung ihrer Lokomotive; die Loks, die restauriert sind, brauchen ständigen Unterhalt, damit sie betriebsfähig bleiben. Viele, die hier arbeiten, sind pensionierte Bähnler. Andere verbringen oftmals ihre Ferien im Depot.

Zum Mittagessen trifft man sich in der fahrbaren Rottenküche; der Koch präsentiert täglich ein anderes Menü. Die Arbeit im Depot ist freiwillig und ehrenamtlich, anstrengend und manchmal laut. Auch der Aussenstehende spürte die besondere Atmosphäre beim Betreten der Depots, auch wenn er nicht zu den Eingeweihten gehört, die den Mikrokosmos «Lokdepot» in seiner ganzen Tiefe verstehen. Was hier passiert, ist faszinierend. Alle, die hier sind, möchten hier sein und arbeiten. Entsprechend gut ist die Stimmung in der ungeheizten Remise, die den Groove der alten Zeit verströmt.

Arbeit ohne Ende

Der 75-jährige Gregor Tomasi gehört zu den letzten Bähnlern, welche die alten Loks noch selber gefahren sind. Er sorgt sich nicht, dass dieses Wissen verloren geht, wenn seine Generation nicht mehr aktiv ist. «Wir haben guten Nachwuchs», sagt er, «den jungen Leuten geben wir unser Wissen gerne weiter. So bleibt es dem Bahnpark Brugg erhalten.»

Inzwischen ist der Bahnpark Brugg über die Region Brugg hinaus bekannt. Der Heimatschutzpreis 2018, den die Stiftung für das «exemplarische Erhalten der Eisenbahn-Geschichte im Kanton Aargau» erhielt, sorgte für zusätzliche Aufmerksamkeit. Rund 80 Führungen pro Jahr werden gebucht, Tendenz steigend. Die Tage der offenen Tore werden von Tausenden besucht, sie kommen aus der ganzen Schweiz und auch aus dem nahen Ausland, sagt Tomasi. Aber auch die Ausfahrten mit den alten Loks und den historischen Wagen sind sehr beliebt. Wer mag, kann auch das ganze Depot für eigene Anlässe mieten; eine Festwirtschaft steht bereit.

Auch im Erfolg möchte Tomasi, dass der Bahnpark bescheiden bleibt. «Wir werden weiterhin freiwillig und ehrenamtlich weiterarbeiten», sagt er, eine Professionalisierung des Betriebs etwa im musealen Bereich aufgrund der Nachfrage sei kein Thema. «Die Arbeit wird uns nicht ausgehen», sagt Tomasi. Es scheint, als sei er nicht unglücklich darüber. Nächstes Thema ist die Sanierung des Flachdachs des Depots von 1912. Kostenpunkt: rund 100'000 Franken.