Die heute 88-Jährige ist als ältestes von vier Kindern in Rüstenschwil direkt neben der Kapelle in einem zweistöckigen Bauernhaus aufgewachsen. «Am Heiligabend sind immer alle Kindern aus dem ganzen Dorf zur Kapelle gekommen, da mussten wir eine halbe Stunde lang an den Riemen ziehen und so die Glocken läuten. Damit haben wir das Christkindli eingeläutet.» Sie muss lachen, wenn sie daran denkt. «Nach einer halben Stunde kam immer unsere Mutter in die Kapelle herüber, wir wohnten ja am nächsten, und schickte alle Kinder nach Hause. Denn unterdessen war das Christkind bei allen gekommen.»

Bei ihr daheim hat das Christkind jeweils den Baum, den man beim Förster in Auw für 50 Rappen gekauft hatte und den sie schon einen oder zwei Tage zuvor in der schönen Stube geschmückt hatten, in die Bauernstube hinunter gebracht. Er stand dort auf dem Boden oder auf einem kleinen Tisch. Die Geschenke auf dem runden Tisch waren noch mit einem Leinentuch zugedeckt. Erst spielte die Mutter Gitarre und alle sangen mit, danach gab es die Geschenke. «Besonders während des Krieges bekamen alle praktische Sachen wie Kleider und dergleichen», erinnert sich Marie Bircher. «Ab und zu erhielt eines von uns aber auch ein Bäbeli. Und einmal bekamen wir alle gemeinsam einen Davoser-Schlitten.»

Zu Weihnachten war die Stube immer voll. «Da waren die Grosseltern, die Eltern, wir vier Kinder, eine Haushalttochter, der Mäler, ein Rossknecht und manchmal zusätzlich ein junger Bursche. Zu Weihnachten waren immer alle da. Und jeder bekam ein Geschenk, zum Beispiel ein Sonntagshemd.» Einmal hatten sie einen Melker, der jedem Kind etwas schenkte. «Da waren wir ganz verlegen, weil wir ihm nichts hatten. Im Jahr darauf kauften wir ihm dann aber in Muri eine Krawatte, da waren wir ganz stolz darauf.»

Am 24. kamen die Express-Päckli

Marie Bircher selbst hat zwei Söhne und eine Tochter, dazu kamen bisher sechs Grosskinder und bald zwei Urgrosskinder. «Mit meinem Mann und meinen Kindern feierte ich ganz ähnlich wie damals, als ich noch ein Kind war», erzählt sie. «Mein Mann spielte Klavier – und bis etwa zum 6. Januar haben wir jeden Abend nochmals die Kerzli angezündet und ein halbes Stündchen zusammen gefeiert.»

Nicht gleich war: «Ich habe in Auw in den Posthalter-Haushalt eingeheiratet. Da mussten wir am 24. jeweils die Express-Päckli ausliefern. Dabei halfen auch die Kinder. Also gab es abends nie ein grosses Gekoche, sondern etwas, das schnell ging. Meist ein Kafi Complet mit Weggli, Mutschli und Aufschnitt.» Bei ihrem ältesten Sohn sei dies noch jahrelang das Festtagsessen geblieben, berichtet Marie Bircher mit einem Lächeln. Nach dem Essen begann die Feier: «Bevor das Päckliaufmachen losging, lasen die Kinder immer erst das Weihnachtsevangelium, wir sangen gemeinsam und dann gab es Geschenke.»

Büechli von Josef Villiger

Sie hätten ihren Kindern nie erzählt, dass das Christkind die Geschenke gebracht habe, denn sie selber habe ja auch nicht lange daran geglaubt. «Wir sagten ihnen stattdessen, dass wir feiern, weil das Jesuskind geboren ist.»

Als ihre Kinder etwas grösser waren, habe ihr Mann ab und zu Gedichtbände des Freiämter Dichters Josef Villiger mitgebracht, «die haben wir dann gemeinsam mit den Kindern gelesen, bevor wir in die Mitternachtsmesse gingen». Diese oft geöffneten Büechli hat sie noch heute. In Erinnerungen versunken blättert Marie Bircher durch den bunten Stapel auf ihrem Tischchen im Maria-Bernarda-Heim in Auw.