Es war 1975. In Rudolfstetten gab es vier Restaurants – Bahnhof, Sternen, Alte Post und das Rummeltal. Für uns junge Ruedistetter, auf dem Heimweg von der militärischen Aushebung, war klar: Der Tag wird in der Beiz beschlossen. Und genauso unbestritten war, dass das im «Sternen» geschehen sollte. Es wurden zwei Bier, vielleicht auch drei oder vier, das war nicht mehr so klar auszumachen. Aber Wirtin Anny Wiederkehr, «Sterne-Anny», verlangte dafür keinen Rappen. Sie blieb einfach, bis der Letzte in die Nacht hinaus wankte. Aber das war nicht der Grund, weshalb wir im «Sternen» versumpften.

Viele Jahre später, als ich zu meinem Heimatdorf eigentlich keine grössere Bindung mehr hatte, war ein Besuch im «Sternen» sozusagen obligatorisch, wenn ich in Rudolfstetten war. «Sterne-Anny» kannte einen immer, da konnte man die Haare lang wachsen lassen oder kurz scheren, einen Bart tragen oder eine Mütze. Und alle kannten Anny Wiederkehr, alle, die hier verkehrten, und das waren sozusagen alle Ruedistetter. Sie alle können eine Geschichte oder ein Erlebnis mit «Sterne-Anny» erzählen. Und umgekehrt könnte es die beliebte Wirtin, wenn sie nicht im Alter von 91 Jahren am 11. Dezember gestorben wäre.

Wirtin aus Leidenschaft

Anny Wiederkehr wurde am 31. Juli 1927 in Rudolfstetten geboren. Zusammen mit vier Geschwistern wuchs sie im Gasthof Sternen auf. Nach dem Abschluss der Schule besuchte sie ein Jahr ein Institut in Pruntrut. Zurück in der Deutschschweiz, unterstützte sie die Mutter im Restaurant und half auf dem Bauernhof mit. Als 1964 ihr Vater starb, erlangte sie das Wirtepatent und besuchte Kochkurse an der Wirtefachschule in Zürich. Im gleichen Jahr übernahm sie den Gasthof Sternen in der sechsten Generation. Sie wirtete, bis es nicht mehr ging und sie ins Altersheim zügelte. «Ich bin fürs Wirten geboren», sagte Anny Wiederkehr, die den Kontakt zu den Menschen genauso liebte wie den Gesang. Dabei wollte sie ursprünglich Lehrerin werden. Als aber ihr Vater starb, «fiel es mir überhaupt nicht schwer, Wirtin zu werden». Sie erzählte, dass sie «ganze Bücher schreiben könnte» über ihre Zeit als Wirtin.

Tatsächlich war Anny Wiederkehr eine Gastgeberin, wie man sie kaum mehr findet – die Erste am Morgen, die Letzte am Abend, keinen Unterschied machend zwischen arm und reich, geduldige Zuhörerin, die alles zu wissen schien, aber auch ein Geheimnis für sich behalten konnte, immer gepflegt und zuvorkommend. Manch einer, der in ihrem Gasthaus in den wilden jungen Jahren über die Stränge gehauen hat, kam wieder: zur Hochzeitsfeier, zum Taufessen mit dem eigenen Nachwuchs oder zu einem Familienfest. Das freute die Wirtin besonders.

Rudolfstetten ist schon seit Jahrzehnten nicht mehr das kleine Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Aber eines ist in all den Jahren geblieben: Wollte man in Rudolfstetten Ruedistetter sehen, ging man zum «Sterne-Anny». Das war auch der Grund damals, als frisch militärisch Ausgehobene im «Sternen» zu versumpfen. Anny und ihr Gasthaus waren eine Institution. Wir trauern ihr nach und werden sie nie vergessen.