Es passierte am Eröffnungstag der AMA 2018 im Aarauer Schachen. Eine Autokolonne, darin auch der AMA-Shuttlebus, wälzte sich vom Badi-Parkplatz her auf der Schwimmbadstrasse in Richtung Einmündung in die Allmendstrasse. Rechtsabbieger fahren von hier aus auf der Allmendstrasse der Schachenwiese entlang in Richtung Wöschnau, Linksabbieger gelangen, unmittelbar nach einer 90-Grad-Rechtskurve, in die Schiffländestrasse, die ostwärts der Aare folgt. Nur: Wenn auf der vortrittsberechtigten Achse Schiffländestrasse–Allmendweg starker Verkehr herrscht, haben die vom Reiterstadion und der Badi her nahenden Lenker Mühe, abzubiegen.

So war es offenbar auch am 21. März dieses Jahres. Jedenfalls stand an jenem Abend bei der Verzweigung ein Verkehrsdienstmitarbeiter der Securitas Olten, der, wie er vor dem Bezirksgericht Aarau aussagte, den Auftrag hatte, die Schwimmbadstrasse möglichst zügig zu entleeren.

«Er hat Haltezeichen missachtet»

Vor Gerichtspräsident Reto Leiser als Einzelrichter erschien der Securitas-Mann, ein bulliger 55-jähriger Osteuropäer, als Zivil und Strafkläger. Er behauptete, ein drängelnder Automobilist habe seinen Haltezeichen keine Folge geleistet und ihn mit seinem BMW touchiert, worauf er zu Boden gegangen sei.

Dem BMW-Fahrer, einem 37-jährigen Spanier, hatte die Staatsanwaltschaft im August einen Strafbefehl geschickt. Darin wurde er der einfachen Körperverletzung und der Missachtung des Haltezeichens eines gekennzeichneten Angehörigen eines privaten Verkehrsdienstes beschuldigt. Geldstrafe, Busse, Strafbefehlsgebühr und Polizeikosten beliefen sich auf insgesamt gut 8000 Franken. Der Beschuldigte focht den Strafbefehl an, weswegen der undurchsichtige Fall vor dem Einzelrichter landete.

Undurchsichtig, weil auch vor Gericht zwei ganz unterschiedliche Versionen des Zwischenfalls ausgebreitet wurden, der sich im Dunkel jener März-Nacht zugetragen hatte. In der Voruntersuchung waren zwei Zeugen befragt worden. Einer, der allerdings in einer Beziehung zur Schwester des Beschuldigten stand und insgesamt die Position des Spaniers stützte, machte offenbar klare Aussagen. Die Zeugin, welche den Beschuldigten im Sinne des Zivil- und Strafklägers belastete, hatte in den Augen des Gerichts in der Einvernahme teilweise unklar ausgesagt, weswegen sie auch zur Hauptverhandlung geladen wurde. Die Frau hatte den Fussgängerstreifen bei der 90-Grad-Kurve überquert und sich nach eigenen Angaben aufgeregt über den BMW-Fahrer, der den Streifen schon hinter sich hatte und weiterfahren wollte. Sie bestätigte, gesehen haben, dass der Securitas-Mann umfiel. Einen Aufprall hatte aber auch sie nicht wahrgenommen.

«Keiner wusste, was galt»

Der Beschuldigte und seine Verteidigerin, die einen Freispruch forderte, machten geltend, es habe ein Chaos auf der Verzweigung geherrscht. «Es wusste keiner, was galt», sagte der Spanier. Er habe das Fenster runtergekurbelt und gefragt, ob er fahren dürfe. Der Securitas-Mann sagte, der Beschuldigte habe ihn beschimpft. Er habe sich geweigert, retour zu fahren. Er habe wiederholt Anstalten getroffen, wieder anzufahren, weshalb er ihm mehrmals das Haltezeichen gezeigt habe. Zuletzt habe er sich mit einem Sprung zur Seite in Sicherheit bringen wollen und sei, vom BMW touchiert, gestürzt. Dabei habe er sich Prellungen zugezogen. Uneinig waren sich die Parteien auch, wo der Securitas-Mann stand. «Rechts», sagte der Zivil- und Strafkläger, «links» der Beschuldigte. Und: «Ich fuhr langsam weiter; der Mann stand in keinem Fall vor meinem Auto.

Als Rechtsvertreter hatte der Verkehrsdienstleistende den Leiter Ausbildung der Securitas Olten mitgebracht. Dieser bestritt, dass ein Chaos geherrscht habe. Die Aufforderung «Stopp» habe für alle Verkehrsteilnehmer gegolten, «ausser für jene, denen er zeigte, dass sie fahren dürfen». Was der Beschuldigte zum besten gebe, seien lauter Schutzbehauptungen. Und dass er ein aufbrausender Typ sei, zeigten schon seine Vorstrafen.

Im Zweifel für den Angeklagten

Dem Gericht genügte das nicht für eine Verurteilung. Gerichtspräsident Reto Leiser sprach den Spanier von Schuld und Strafe frei, nach dem Prinzip «im Zweifel für den Angeklagten». Die Verhandlung, erklärte Leiser, habe ihn schon ein Stück weiter gebracht. Die Zeugen würden sich gegenseitig aufheben. Er könne daher keinem von beiden mehr glauben als dem andern.

Es sei klar geworden, dass die den Beschuldigten belastende Zeugin «nicht sehr objektive Aussagen» mache. Immerhin hätten beide Zeugen kein Touchieren des Securitas-Mannes durch das Auto wahrgenommen. In Bezug auf den Vorhalt der einfachen Körperverletzung bestünden daher erhebliche Zweifel. Daran änderten die Unterlagen der behandelnden Ärzte, die auf Aussagen des Zivil- und Strafklägers basierten, nichts. Eventuell habe, wenn überhaupt, bloss eine Tätlichkeit vorgelegen. Doch auch die am Auto festgestellten Wischspuren bewiesen das behauptete Touchieren nicht. Schon die Polizei habe festgehalten, aufgrund fehlender eindeutiger Spuren sei nicht rekonstruierbar, ob ein Kontakt stattgefunden habe.

Auch das Missachten des Haltezeichens blieb für das Gericht mit einem Fragezeichen behaftet. Die Behauptung, dass ein Chaos geherrscht habe, sei wohl nicht so abwegig, sagte der Gerichtspräsident. Es frage sich auch, ob eine einzige Person genüge, um den Verkehr bei einer derart unübersichtlichen Verzweigung zu regeln. Es sei nicht erstellt, dass der Beschuldigte jemals ein Haltezeichen gesehen habe. Auch hätten die Aussagen des Securitas-Mannes in der Voruntersuchung und in der Hauptverhandlung einander teilweise widersprochen.

Zweifel an Legitimation

Reto Leiser sprach auch einen formellen Punkt an: Die Untersuchungsbehörde habe in keiner Art und Weise dargelegt, welche Berechtigung der betreffende Securitas-Mann überhaupt besessen habe, den Verkehr zu regeln. Im Kanton Aargau gebe es eine verbindliche Liste, die festhalte, welche privaten Sicherheitsdienste anstelle der Polizei den Verkehr regeln dürfen. Auf dieser Liste figuriere zwar die Securitas Aarau, nicht aber die Securitas Olten.