Walter Fischer aus Stetten im Reusstal verschickt keine Selfies. Trotzdem sorgt er spätestens morgen für kantonsweite Aufmerksamkeit. Denn er fährt mit einem alten Bührer Traktor, Jahrgang 1967, von Stetten aus quer durch den Kanton. Ziel seiner rund anderthalbstündigen Tour ist die Kinderklinik des Kantonspitals in Aarau.

Eher überraschend ist Fischers Motiv: Mit der Fahrt nach Aarau in die Kinderklinik möchte er ein Versprechen einlösen, das er vor 53 Jahren als vierjähriger Knirps abgegeben hat. Damals war er an einer lebensbedrohenden Hirnhautentzündung erkrankt und lag wochenlang im Kinderspital. «Ich kann mich noch gut erinnern», erzählt er, «ich war völlig isoliert und konnte Eltern und Geschwister jeweils nur durch eine Glaswand sehen.»

Der Besuch, der nicht stattfand

Doch der kleine Walter überlebte, auch dank der guten Pflege der Krankenschwestern. Bei seiner Entlassung versprach der Bauernbub, er werde die Schwestern, die er in der Zwischenzeit lieb gewonnen hatte, bald einmal mit dem Traktor besuchen kommen. Denn der Traktor gehörte damals zu seinem Leben. «Ich durfte schon mit vier Jahren selber fahren und war viel mit dem Vater in Feld und Wald unterwegs, begleitet von unserem Dackel Joggeli», erinnert sich Fischer.

Die Jahre zogen ins Land. Aus dem kleinen Walter wurde ein tüchtiger Automechaniker, dann ein ebensolcher Car- und Buschauffeur; später besuchte er eine Handelsschule und bildete sich zum Sozialpädagogen aus; heute leitet er ein Jugendheim. Das Versprechen aus dem Jahre 1961 indes ging vergessen.

Konfrontation mit der Kindheit

Bis Fischer vor einigen Wochen eine therapeutische Weiterbildung besuchte. Da passierte es: «Ich wurde mit unerwarteter Wucht mit meiner Kindheit konfrontiert, ich brach in Tränen aus und mit wurde bewusst, dass ich mein Versprechen jetzt einlösen will. Auch weil ich hoffe, dass ich dann freier, unbeschwerter bin, so wie es als kleiner Bub war», erklärt Walter Fischer.

Dass andere Leute über seine Fahrt nach Aarau nur den Kopf schütteln können, stört ihn nicht weiter. «Das kann ich gut verstehen», sagt er. Seine Fahrt sei auch ein Zeichen der Dankbarkeit. Denn ohne die damalige Pflege im Kinderspital hätte er wahrscheinlich kein so schönes Leben gehabt. «Und vielleicht kann ich ja die eine oder den andern dazu animieren, selber auch Unerledigtes anzupacken und endlich zu erledigen», erklärt Fischer.

An der Expedition nach Aarau sind auch Fischers Geschwister Werner und Gertrud beteiligt. Der alte Bührer-Traktor gehört Werner Fischer, der ihn in aufwendiger Kleinarbeit restauriert hat; und Schwester Gertrud wird ihren Bruder begleiten. Der Traktorfahrer wird morgen um 11 Uhr vor der Kinderklinik erwartet; er bringt einen Blumenstrauss mit und darf die Klinik besichtigen.

Und wenn es also am Donnerstagmorgen zwischen Stetten und Aarau zu leichten Verkehrsbehinderungen kommen sollte, dann wissen wir, warum das so ist und wir und reagieren mit Verständnis: Es ist der Mann mit dem Traktor, der seine Mission endlich erfüllen muss.